16. Oktober 2019 - 04:45

Junge Bayreutherin: Hochschwanger und der Vergewaltigung angeklagt

Foto: Daniel Karmann

BAYREUTH. Der Straftatbestand der Vergewaltigung sagt nichts über das Geschlecht von Täter oder Opfer. Dennoch ist es eher selten, dass eine Frau dafür angeklagt wird, einen Mann vergewaltigt zu haben. Einen derartigen Fall hatte nun das Schöffengericht zu verhandeln – es gab einen denkwürdigen Prozessverlauf.


Auf der Anklagebank nahm eine 22-jährige Bayreutherin Platz. Sie ist hochschwanger. Vater ihres Kindes ist ein 33-jähriger Mann und er ist laut der Anklage der Staatsanwaltschaft auch das Vergewaltigungsopfer. Im März soll die 22-Jährige ihn in der gemeinsamen Wohnung in der Altstadt erst geprügelt, dann gewürgt, ihm die Unterhose heruntergezogen und gegen seinen Willen Oralsex ausgeführt haben. Auf den Satz des Mannes: „Ich will das nicht“ soll sie geantwortet haben: „Du gehörst mir.“ Zudem soll die Angeklagte die Wohnungstüre abgeschlossen und den Schlüssel abgebrochen haben.

Richter vergisst seine Schöffen

Diese Anklage musste Staatsanwalt Jan Köhler zweimal verlesen. Der Gerichtsvorsitzende Daniel Götz hatte nach mehreren Prozesses als Einzelrichter vergessen, seine Schöffen hereinzurufen. Auch der Staatsanwalt und Verteidiger Karsten Schieseck merkten das Fehlen der Schöffen nicht. Die junge Angeklagte äußerte sich selbst nicht zu den Vorwürfen, sondern überließ das ihrem Verteidiger. Schieseck erklärte, seine Mandantin habe mit ihrem damaligen Freund eine extreme „On-Off-Beziehung“ gehabt, in der vielfach Gewalt angewendet worden sei – und zwar von beiden Seiten. Tatsächlich sind, so ließ der Gerichtsvorsitzende anklingen, mehrere derartige Vorfälle bei der Polizei aktenkundig.

„Bitte bestrafen sie diese Frau nicht“

Es folgte der Auftritt des Hauptzeugen. Der Mann ist nicht groß, aber athletisch. Seine Ex-Freundin ist zierlicher als er. Ist es überhaupt möglich, dass sie ihm an jenem Tag im März körperlich überlegen war? Was dafür sprechen könnte: „Ich stand unter Drogen“, sagte er im Zeugenstand aus. Aber er sagte auch: „Ich will einen Punkt machen. Diese Frau hat mir gegeben, was mir noch nie eine Frau gegeben hat. Bitte bestrafen sie diese Frau nicht.“ Der Mann berichtete von seiner Drogensucht, dass er gerade clean sei und einen Therapieplatz in Aussicht habe – dass also alles gut werden könnte.

Ein Ausgleich soll stattfinden

Das Problem: Bei einer Aussage bei der Polizei hatte er seine Ex-Freundin eben schwer belastet. Und Vergewaltigung ist ein Offizialdelikt, das die Staatsanwaltschaft von sich aus verfolgen muss, auch dann, wenn das Opfer nichts mehr von der Sache wissen will. Ehe das Gericht sich weiter mit dieser Aussage befassen konnte, musste eine Pause eingelegt werden, die der Verteidiger mit den Worten: „Das Kind regt sich“ beantragte. Die sichtlich erschütterte Angeklagte ging, sich den Babybauch haltend, zur Toilette.

In der Zwischenzeit fanden das Schöffengericht, der Staatsanwalt und der Verteidiger einen möglichen Ausweg: Der Belastungszeuge bekommt einen Rechtsanwalt als Zeugenbeistand. In den kommenden vier Wochen soll dieser mit dem Verteidiger der Angeklagten eine Lösung für einen Täter-Opfer-Ausgleich finden. Ist das erfolgreich, liegt für einen neuen Prozesstermin ein starker Milderungsgrund vor. Dann könnte die Frau mit einem halb blauen Auge aus der Sache herauskommen. Ob der neue Termin noch vor der Entbindung stattfinden wird, ist eher unwahrscheinlich.