21. September 2019 - 05:00

Dreihalb Jahre Haft: Bayreuther Drogendealerin geht Deal ein

Foto: Daniel Karmann

BAYREUTH. Geheimhandys, Metamphetamin in schnell verschluckbaren Gummibomben, schwer zu entschlüsselnde Codewörter in Sintisprache – ein halbes Jahr brauchte die Kripo, um den Drogenring einer 45-jährigen Bayreutherin zu knacken. Dann stellte sie sich freiwillig. In ihrem Prozess machte sie einen Deal mit dem Landgericht und bekam dieselbe Haftstrafe wie ihre Lieferanten.


Zentrum des Drogenrings war ein Mehrparteienwohnhaus in der Munckerstraße. Dort lebte die Angeklagte offiziell von Hartz IV. Dass die Bewohnerin illegalen Geschäften nachging, dafür bekam die Kripo im Juni 2018 erste Hinweise. Bei Verhaftungen in der Szene wurden Mobiltelefone beschlagnahmt, in denen sich Chats mit zwei Schwestern fanden, die für die Drogenfahnder alte Bekannte waren. Beide eher als Kleindealerinnen, beide als rauschgiftsüchtig.

Telefonüberwachung bringt Hinweise

Bei einer ersten Telefonüberwachung wurden die Ermittler an den Kopfhörern bald noch hellhöriger: Es war die Rede von zwei Russen, die Crystal Speed aus Tschechien besorgen, immer nur gegen Bargeld lieferten und wie Phantome waren. Vor allem das zentrale Handy, über das der bis dahin nicht identifizierte Lieferant kommunizierte, war nicht mit einer Person in Deckung zu bringen. Deshalb weiteten die Ermittler die Überwachungen auf weitere Mobiltelefone aus und beantragten den Einsatz von Observierungsexperten der Zivilen Einsatzgruppe.

Zwei Russen unterhalten die Connection

Wie der leitende Ermittler am Mittwoch im Prozess gegen die 45-Jährige weiter berichtete, kristallisierte sich heraus, dass der Drogenring ein raffiniertes Verteilungssystem ausgeklügelt hatte. Die zwei Russen im Alter von 42 und 46 Jahren besorgten das in der Szene Crystal Speed genannte Metamphetamin in Tschechien. Der eine war der Fahrer und Schmuggler und steuerte standesgemäß eine große Chauffeurslimousine. Der andere war der Geschäftsmann, der die Connection zu den süchtigen Schwestern unterhielt.

Codeworte bestimmen die Menge

War das Rauschgift von den Lieferanten nach Bayreuth geschmuggelt, gab es Telefonate in der weit verzweigten Szene: Die Russen teilten der 45-Jährigen mit, dass Ware verfügbar war, diese wiederum begann, bei ihren Abnehmern Geld einzusammeln. So gab es in dem Haus in der Munckerstraße ein betriebsames Männlein- (und Weiblein-)Laufen. Abnehmer und Abnehmerinnen brachten ihre Vorkasse. In dem Fall geht es um insgesamt etwa 200 Gramm, die in 24 Deals zwischen vier und 13,5 Gramm in die Wohnung in der Munckerstraße geliefert wurden, ein Drittel davon verbrauchte die 45-Jährige für sich. War das Geld für eine Lieferung beisammen, bekamen die Russen am Handy mit bestimmten Codewörtern die Bestellmenge mitgeteilt. Dann fuhr der Chauffeur in die Nähe des Hauses, sein Komplize kündigte sich per Klingeln an der versperrten Haustüre an – auf den Abhörtonbändern ist sogar der Türsummer zu hören, betätigt von der 45-Jährigen.

Im Notfall sollte die Drogenration verschluckt werden

In einer zweiten Verteilwelle gingen Nachrichten an die Süchtigen der Stadt: „Kannst kommen, die Klöße sind fertig“, hieß es einmal. Der leitende Ermittler berichtete, jeder Abnehmer habe ein anderes Codewort für das Rauschgift gehabt: Mal wurde Kuchen, mal Wurst oder Salz bestellt, bezahlt und abgeholt. Meist bekamen die Abnehmer ihre Ration in dem abgeschnittenen Finger eines Gummihandschuhs verpackt mit der Maßgabe, diese Gummibombe im Mund zu transportieren und sie im Kontrollfall zu verschlucken.

Angeklagte hat ihre Sucht unterschätzt

Nach einem Einfuhrschmuggel von 35 Gramm Crystal wurde der Chauffeur am 21. Oktober 2018 verhaftet. Dann holten sich die Kriminaler seinen Partner und drangen in die Wohnung in der Munckerstraße ein. Dort fanden sie nicht nur einen – zum Glück nicht vorgeschobenen – speziellen Sicherungsbalken an der Eingangstüre, sondern auch einen Tresor mit Bargeld, einer Feinwaage und einer kleineren Menge Rauschgift. Die Wohnungsinhaberin hatte von der Verhaftung ihrer Lieferanten gehört und war untergetaucht. Doch bald stellte sie sich. Ihre Lieferanten wurden im April zu jeweils dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach dem von der Strafkammer angeregten Deal legte sie am Mittwoch ein Geständnis ab und bekam von der Kammer unter Vorsitz von Bernhard Heim ebenso dreieinhalb Jahre. Die Untersuchungshaft abgezogen, muss sie nicht mehr lange im Gefängnis bleiben, denn: Das Gericht schickt die schwer rauschgiftsüchtige Frau auch in eine Therapieeinrichtung. „Ich habe meine Sucht unterschätzt“, sagte sie.