16. Juli 2019 - 05:54

Krisendienst für psychische Notfälle

Foto: dpa-Archiv/Hans Wiedl

BAYREUTH. Oberfranken erhält erstmals einen psychiatrischen Krisendienst. Nach Notrufen sollen ab kommendem Jahr rund um die Uhr Fachkräfte rasch vor Ort zum Einsatz kommen. Der Sozialausschuss des Bezirks beschloss am Mittwoch ein Konzept, das den Bezirk unterm Strich zwei Millionen Euro im Anfangsjahr kosten soll.


 

Ein ausrastender Ehemann, die Suizidandrohung eines Depressionskranken, eine Sucht, die außer Kontrolle gerät: Wenn von einer Person aufgrund einer psychischen Erkrankung Gefahr ausgeht, werden üblicherweise Polizei und Notarzt gerufen. Abführen in Handschellen durch Polizeibeamte vor den Augen der Nachbarn und Zwangseinweisung in die Psychiatrie sorgen oft für eine zusätzliche Traumatisierung Betroffener, sagt Robert Stiefler.

Start im kommenden Jahr

Psychische Notfälle seien der dritthäufigste Grund für Notarzteinsätze. Stiefler ist Koordinator des Bezirks für die Einrichtung des psychiatrischen Krisendienstes in Oberfranken, der im kommenden Jahr anlaufen soll. So schreibt es das vom Landtag im vergangenen Jahr beschlossenen Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz vor. Zuständig für die Einrichtung sind die Bezirke.

Rund um die Uhr besetzt

Psychiatrische Krisendienste gebe es schon länger in Ballungsräumen wie Nürnberg und München, die flächendeckende Einführung in einem Bundesland sei neu und einmalig in Deutschland, sagt Stiefler dem Kurier. Funktionieren soll der Dienst nach seinen Angaben so: Wer sich nach eigenem Empfinden in einer akuten psychiatrischen Krise befindet und unverzüglich Hilfe braucht, soll rund um die Uhr an sieben Tagen die Woche eine bayernweit einmalige Notrufnummer wählen können.

Leitstelle in Bayreuth

In der neuen Leitstelle, die in Bayreuth angesiedelt werden soll, entscheiden geschulte Psychologen, Sozialpädagogen und Ärzte über das weitere Verfahren. Reichen schon das Gespräch am Telefon oder der Verweis an Fachpersonal am nächsten Tag als erste Hilfe? Oder braucht es den sofortigen Einsatz eines Krisenteams? „Nach den Erfahrungen aus München kann schon die Leitstelle 80 Prozent der Anrufer helfen, ohne das Krisenteam einzusetzen“, sagt Stiefler.

Maximal eine Stunde Reaktionszeit

Wenn das zweiköpfige Krisenteam, bestehend aus extra geschulten Psychologen, Sozialpädagogen oder Psychiatriefachkräften, ausrückt, muss es laut Gesetz innerhalb einer Stunde Fahrzeit beim Anrufer sein, wo es über weitere Hilfsmaßnahmen entscheiden kann.

Ziel des neuen Angebots sei, Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken möglichst zu vermeiden und gleichzeitig Polizei und Notärzte zu entlasten, sagte Stiefler – auch wenn dies sicher nicht in jedem Notfall möglich sein werde.

Zuschlag für Sozialdienstleister Dr. Loew

Den Aufbau des oberfränkischen Krisendienstes begleitet seit mehr als einem Jahr ein Gremium mit Vertretern aus Bezirk, Psychiatrischen Krankenhäusern, Wohlfahrtsverbänden, sozialpsychiatrischen Diensten, Polizei, Rettungsdiensten, Telefonseelsorge und Selbsthilfegruppen betroffener Angehöriger. Für die Trägerschaft der Bayreuther Leitstelle erhielt der Wernberger Sozialdienstleister Dr. Loew nach einem Interessensbekundungsverfahren den Zuschlag.

Holding der Diakonie Hochfranken

Nach dem Votum des Sozialausschusses gegen die Stimme der AfD-Bezirksrätin Heike Kunzelmann, die Bedenken gegen die Beteiligung des privaten Trägers der Leitstelle anmeldete, werden die ambulanten Krisenteams im Tagdienst von 9 bis 17 Uhr bei den schon bestehenden Sozialpsychiatrischen Diensten (SPDI) in Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hof angesiedelt.

Die Einsatzteams für die Abende, Wochenenden und Feiertagen sollen unter dem Dach der Zentralen Dienste, der Holding der Diakonie Hochfranken, organisiert werden. Diese Nacht- und Wochenenddienste sollen den Plänen zufolge vor allem bereits angestellte Fachkräfte übernehmen, die auf 450-Euro-Basis stundenweise Zusatzdienste leisten wollen.

Neue Jobs für Fachkräfte

Den Schätzungen zufolge werden in ganz Oberfranken 120 bis 150 Fachkräfte allein dafür benötigt. Acht bis neun zusätzliche Planstellen werden für die Tagdienste bei den SPDI veranschlagt, 10,5 Planstellen für die Leitstelle. Allein die Personalkosten für die Leitstelle werden auf rund eine Million Euro geschätzt, die der Bezirk vorfinanziert und vom Freistaat erstattet bekommt. Eine weitere Million Euro, werden den Schätzungen zufolge die ambulanten Krisenteams kosten, alles in allem muss der Bezirk anfangs mit zwei Millionen Euro Kosten rechnen. Ziel ist nach den Worten Stieflers, dass der Krisendienst für Oberfranken im Frühjahr 2020 startet.

Kosten im Griff behalten

Was der psychiatrische Krisendienst auf Dauer kostet und wie stark er beansprucht wird, ist nach Ansicht Stieflers nicht absehbar. Die Entscheidung, die Krisenteams bei bereits bestehenden Institutionen anzusiedeln und nicht eine eigene Gesellschaft dafür zu gründen, begründete Bezirkstagspräsident Henry Schramm so: „Wir brauchen Strukturen, mit denen wir die Kosten im Griff behalten können, auch wenn die Zeiten mal wieder schlechter werden.“