22. Juli 2019 - 11:58

Bayreuther Amokfahrer muss ins Gefängnis: Polizei gab damals Warnschuss ab

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BAYREUTH. Ein Autofahrer flieht vor der Polizei, drückt das Gaspedal durch, schaltet das Licht aus, missachtet eine rote Ampel und kracht gegen ein anderes Auto, so dass an diesem Wagen die Front abgerissen wird. Zeugen sehen trotz der Nachtzeit eine riesige Rauchwolke. Sekunden später wären vier Menschen und ein ungeborene Kind tot gewesen, urteilt acht Monate später Amtsrichter Holger Gebhardt und betont: Nur ganz knapp war das kein Mordversuch. Der Angeklagte soll für ein Jahr und neun Monate ins Gefängnis. Wir hatten hier darüber berichtet. 


Am Freitag stand der Amokfahrer vor Gericht. Ein 27-Jähriger aus Plauen, angeklagt unter anderem wegen fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung, zweifacher fahrlässiger Körperverletzung, Fahrens ohne Fahrerlaubnis und Unfallflucht.

In dem Prozess sagte der 27-jährige nicht viel, das überließ er seinem Verteidiger Michel Windisch. Der Anwalt erklärte, sein Mandant räume alle Vorwürfe ein. Demzufolge ist der Angeklagte Drogenkonsument und stand in der Nacht des 13. Juni vergangenen Jahres unter dem Einfluss der Aufputschdroge Crystal Speed.

An seinem blauen Audi hatte er Kennzeichen angebracht, die nicht zu diesem Wagen gehören. Der Zweck dieser als Urkundenfälschung eingestuften Straftat: Unauffällig mit dem nicht zugelassenen Audi fahren können. Unauffällig, das heißt: Möglichst eine Kontrolle vermeiden, denn der Mann hat auch keinen Führerschein.

Was der 27-Jährige und seine im dritten Monat schwangere Freundin in Bayreuth wollten, wird in dem Prozess nicht ganz klar. Klar wird nur: Der Mann muss zeitnah eine derart große Menge Crystal Speed eingenommen haben, dass ein Polizeibeamter als Zeuge sagte: „Das hätte für acht Blutentnahmen gereicht.“

Es dürfte der Drogenrausch gewesen sein, der die Fahrweise des 27-Jährigen so unsicher machte, dass eine Streifenbesatzung der Bayreuther Polizei sich zur Kontrolle des Audi entschloss, nachdem die Beamten das Auto im Gegenverkehr auf der Hochbrücke sichtete. Die 26-jährige Polizistin am Steuer des Streifenwagens, zunächst stadteinwärts unterwegs, wendete. Der Mann im Audi gab Gas, fuhr schnell durch den Großen Kreisel, dann in Richtung Bindlach. Auf das Signal „Polizei. Anhalten. Kontrolle“, reagierte der Audifahrer zunächst und fuhr seinen Wagen nach der Kreuzung Bindlacher Allee zur Bühlstraße ans Bankett.

Kaum war der Polizist vom Beifahrersitz des Polizeiautos ausgestiegen, raste der Audi davon. Der Zeuge: „Ich wusste bis dahin nicht, dass durchdrehende Reifen einen solch schwarzen Qualm erzeugen können.“ Der Audi schoss durch Bindlach bis zu Kreisverkehr bei der Bärenhalle, dort durch den Kreisel und wieder zurück durch den Ort.

„Wir hatten Mühe, dran zu bleiben, und er schaltete sein Licht aus“, sagte die Fahrerin des Polizeiwagens aus. Am Großen Kreisel hatten die Polizisten den Fluchtwagen aus den Augen verloren, doch eine große Rauchwolke aus Richtung Bundespolizei wies ihnen den Weg.

Unfall und Warnschuss nach Verfolgungsfahrt

„Er hat fast in die Hosen gemacht.“

Dort hatte der Audi einen aus der Christian-Ritter-von-Langheinrich-Straße herausfahrenden VW Golf auf die Hörner genommen. Der 46-jährige Bayreuther, der damals am Steuer des Golf gesessen hatte, erklärte als Zeuge, er sei mit einer Kollegin von der Nachtschicht am Nachhauseweg gewesen und habe beim Einbiegen in die Christian-Ritter-von Popp-Straße Grünlicht an der Ampel gehabt.

Bei dem Anstoß wurden der Mann und seine Kollegin schwer verletzt, sie erlitten Prellungen am ganzen Körper. Der Fluchtwagen schleuderte 80 Meter weiter, der Angeklagte und seine Freundin rannten davon. Ein Polizeibeamter gab einen Schuss in die Luft ab, erst da warf der Angeklagte sich zu Boden. Sein Anwalt sagte im Prozess: „Er hat mir erzählt, dass er sich fast in die Hosen gemacht hat.“

Im Prozess erteilte Richter Gebhardt den rechtlichen Hinweis, dass die fahrlässige Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässige Körperverletzung schlimmer gewesen sei: Die Flucht vor der Polizei sei eine Vorsatztat, und auch die durch den Unfall hervorgerufenen Körperverletzungen seien nicht als fahrlässig einzustufen: „Wer so rast nimmt in Kauf, dass ein Unfall passieren kann und dabei Menschen verletzt werden.“

In der Urteilsbegründung über den vielfach wegen ähnlicher Delikte vorbestraften Mann erklärte Gebhardt auch, warum zwischen dem Tag der Amokfahrt und dem Tag des Prozesses ungewöhnlich viel Zeit vergangen sei: Er habe sich lange Gedanken gemacht, ob der Fall nicht an das Schwurgericht verwiesen werden müsse – wegen des Vorwurfes des versuchten Mordes. Nur ganz knapp habe er dies verworfen.

Die schwangere Beifahrerin, die während der Amokfahrt ihrem Freund zugerufen haben soll „Spinnst Du!“, wurde geringfügig verletzt. Ihr Kind kam gesund zur Welt. Mit dem Angeklagten ist sie nicht mehr zusammen.