19. August 2019 - 16:33

Wohltätigkeits-Rallye: Mit einem alten Golf nach Gambia

Mit seinem 16 Jahre alten VW Golf macht sich Mike Simon auf den Weg nach Gambia. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Autofahren ist Mike Simon gewöhnt. Schließlich pendelt er seit vielen Jahren jeden Tag die rund 110 Kilometer von seinem Wohnort im vogtländischen Reichenbach zur Arbeit nach Bayreuth. Doch was er jetzt vor hat, das ist ein ganz anderes Kaliber. Mit seinem alten Golf geht es über fast 7000 Kilometer nach Banjul, die Hauptstadt von Gambia in Westafrika.




Sie nennt sich Rallye Dresden-Dakar-Banjul, findet mittlerweile zwei Mal im Jahr statt und ist eine Mischung aus großem Abenteuer und Wohltätigkeitsveranstaltung. Bereits zum 27. Mal seit dem Start 2006 veranstaltet der Dresdner Verein Breitengrad die Rallye nach Afrika, sagt Mitorganisator Holger Leipnitz im Gespräch mit dem Kurier. An deren Ende steht immer die Versteigerung der dabei verwendeten Autos, der Erlös fließt in soziale Projekte vor Ort. 45 Teams mit ebenso vielen Autos sind diesmal dabei. Unter ihnen: Mike Simon.




Kapitaler Motorschaden

Der 44-Jährige ist wie viele andere ein Wiederholungstäter. 2013 stieß er „eher per Zufall“ auf die Rallye: „Ich war auf der Suche nach etwas Außergewöhnlichem.“ Und fuhr 2014 das erste Mal mit. Auch damals mit einem alten VW Golf, der vor Ort für 2200 Euro einen neuen Eigentümer fand. Weniger Glück hatte er 2016, als sein VW Lupo bei einem Ausweichmanöver im Wasser landete, einen kapitalen Motorschaden erlitt und im Senegal zurückgelassen werden musste. „Da war ja klar, dass ich es mindestens noch ein Mal machen muss“, sagt Simon.




Erst mal nach Gibraltar

Und so geht es am kommenden Freitag wieder los. Nicht am offiziellen Startpunkt in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz, sondern in Augsburg, weil Simon da zuvor noch beruflich zu tun hat. Kein Problem für den 44-Jährigen, der beim Bayreuther Unternehmen Schlenck als Projektleiter tätig ist. Zwar werden vor allem die Wüstenetappen auf der insgesamt 20 Tage dauernden Tour im Konvoi gefahren, doch die erste Pflicht-Zusammenkunft aller Teams ist erst am vierten Tag in Gibraltar, von wo aus ins marokkanische Tanger übergesetzt wird.




Durch die Sahara

Bis dahin will sich Simon vor allem Nimes und Barcelona näher anschauen, in Marokko sind Stopps in Marrakesch und Casablanca eingeplant, ehe es über den Hohen Atlas Richtung Mauretanien und dann vier bis fünf Tage durch die Sahara geht. Dass er und sein Golf das schaffen, da ist sich Simon sicher. Schließlich läuft die Vorbereitung seit fast einem Jahr. So hat der 16 Jahre alte VW zwar mittlerweile 560.000 Kilometer auf dem Tacho, ist aber nochmal durch den Tüv gekommen – nachdem Verschleißteile wie Lager erneuert wurden, neue Kotflügel montiert und Roststellen an den Schwellern fachmännisch geschweißt wurden. Vor allem aber hat Simon noch einige besondere Extras eingebaut – einen stabilen Unterfahrschutz, eine Kaffeemaschine, einen Kühlschrank und eine Klappbettkonstruktion, denn: „Immer das Zelt auf- und abzubauen macht keinen Spaß.“ Außerdem steigern die Extras später bei der Versteigerung den Wert des Autos.




Kein Trainingslager

Und wie sah Simons eigene Vorbereitung aus? „Ein Trainingslager habe ich nicht absolviert“, sagt er grinsend. Man müsse halt allgemein gesund und fit sein, „denn es ist schon anstrengend“. Wichtig sei, immer genug Lebensmittel und vor allem Wasser dabei zu haben. Ansonsten brauche es eine gehörige Abenteuerlust, aber auch Genügsamkeit: „In der Wüste gibt es nun mal kein Badezimmer und keine Toilette.“ Angst hat Simon nicht. Schließlich seien die schwierigen Etappen gut organisiert. Fünf Mann umfasst das mitreisende Team von Breitengrad, sagt Leipnitz. Außerdem würden sich die Teams bei Problemen auf Straßen, die in Deutschland noch nicht einmal als Feldwege durchgehen würden, gegenseitig helfen. „Da entstehen echte Freundschaften“, sagt Simon.




Doch nicht nur deshalb spricht er von „gut angelegter Zeit“. Denn neben dem Abenteuer geht es auch ums Helfen. „Auf so einer Reise lernt man verstehen, warum sich Menschen aus Afrika auf den Weg nach Europa machen“, sagt Simon. Umso wichtiger sei es, vor Ort etwas zu tun. Die Versteigerung der Autos trage dazu bei. „Die findet immer vor dem Nationalstadion in Banjul statt“, erzählt der gelernte Elektriker – mit großem Tamtam und Bergen von Geld. „Ein Euro ist gut 50 Dalasi wert, und der größte Schein in Gambia ist der 200-Dalasi-Schein.“ Da kommt einiges zusammen, denn laut Leipnitz erbringen die Autos insgesamt jedes Mal zwischen 50.000 und 80.000 Euro.




Hilfe zur Selbsthilfe

Geld, das einer von Breitengrad eigens gegründeten und vor Ort zertifizierten Nicht-Regierungsorganisation zugutekommt, die damit Projekte wie Krankenstationen, Schulen oder Ausbildungszentren gründet und ausbaut. „Es geht um nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe. Wir wollen das Geld nicht nach dem Gießkannenprinzip verteilen, da versickert es nur“, sagt Leipnitz. Das älteste Projekt sei etwa eine Schule. „Da haben wir mit einem Klassenzimmer angefangen. Heute gibt es 300 Schüler, von denen viele sonst kaum Bildungschancen hätten.“

Den manchmal gehörten Vorwurf, dass da Schrottautos nach Afrika gebracht würden, weist Simon zurück. „Die Leute dort können sich keine anderen Autos leisten, brauchen aber welche, etwa um ein Geschäft zu betreiben“, sagt er, und: „Die wissen: Wenn ein Auto den Weg durch die Wüste geschafft hat, dann können sie damit auch etwas anfangen.“




Sponsoren helfen

Unterstützt wird Simon von einigen Sponsoren, deren Namen auf seinem Golf kleben. Schließlich muss er die Kosten von rund 3500 Euro stemmen. Ganz wichtig sei dabei sein Arbeitgeber und damit seine Chefin Claudia Ebert. Sie schießt etwas Geld zu dem Projekt zu und hat den vierwöchigen Urlaub genehmigt. „So eine lange Zeit ist bei uns nicht üblich und bei einem leitenden Mitarbeiter noch etwas schwieriger“, sagt Simon. Und auch seine Frau stehe hinter ihm, „obwohl das für sie gar nichts wäre“.

Ganz anders sein 13-jähriger Sohn. „Wenn er 18 ist, dann kommt er bestimmt mal mit.“ Die letzte Fahrt nach Banjul wird es also für Mike Simon mit Sicherheit nicht sein.




INFO: Wer Mike Simon auf seiner Abenteuertour begleiten will, der findet seinen Blog im Internet unter der Adresse www.golf4gambia.de