26. Februar 2020 - 17:04

Wer war’s? Kahlschlag an der Mistel

An der Kreuzung Carl-Burger-Straße/99 Gärten in Bayreuth soll ein Baugebiet entstehen, das außen herum viel Grün hat. Nun hat aber jemand bereits fast den ganzen Bewuchs dort abgeholzt. Foto: Andreas Schmitt

BAYREUTH. Im Kreuz sollen Wohnungen gebaut werden. Die Fläche zwischen Carl-Burger-Straße, Neunundneunzig Gärten und der Mistel sei perfekt für Nachverdichtung – sagen die einen. Frevel an der Natur, nennen es die anderen. Im Stadtrat wurde das Projekt am Mittwoch heiß diskutiert. Die Grünen sahen die Zukunft in Gefahr, Helmut Zartner (DU) forderte strafrechtliche Konsequenzen.


 

Das idyllische Areal ist innenstadtnah, verkehrstechnisch gut erschlossen und als Wohngegend attraktiv. Nebenan befinden sich ein Supermarkt und das Sportgelände der Bayreuther Turnerschaft. Zu den Straßen hin stehen Bäume, im Süden fließt die Mistel vorbei.

Sabine Steininger nennt die Fläche einen „grünen Finger in die Stadt hinein“. Dieser, so die Grünen-Fraktionsvorsitzende zum wiederholten Mal, werde nun amputiert. Sie nutzte dies zu einer Generalanklage. In Richtung der Schüler und Studenten, die unter dem Motto „Fridays for Future“ für eine andere Klimapolitik demonstrieren, rief sie: „Kommt dienstags oder mittwochs, wenn Bauausschuss oder Stadtrat tagen, hierher und demonstriert. Hier beschließen Leute die Verbauung eurer Zukunft.“

Ausgleichsflächen entlang der Mistel geplant

Ein Vorwurf, den die Verantwortlichen der Stadt nicht unkommentiert ließen. „Wir haben eine große Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum und müssen dafür ein Angebot schaffen“, sagte Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe (BG). Stadtbaureferentin Urte Kelm betonte: „Wir schaffen hier Wohnbebauung, die gerade auch von jungen Leuten genutzt werden kann.“ Außerdem bleibe die Grünfläche entlang der Mistel bestehen.

In den Planungen ist eine 3000 Quadratmeter große Ausgleichsfläche entlang der Mistel festgelegt. Das soll, so steht es in den Unterlagen, eine verträgliche Einfügung der Bebauung in das Landschafts- und Stadtbild ermöglichen. Kelm: „Das Areal ist weiterhin eine Frischluftzufuhr für die Innenstadt.“

 

Soweit die Pläne. Vor Ort zeige sich ein anderes Bild, wie SPD-Fraktionsvorsitzender Thomas Bauske schilderte: „Leider wurde das Grün entgegen der Pläne entfernt.“ Der Kurier sah sich um. Und in der Tat: Die Idylle an der Mistel ist getrübt. Die Fläche ist regelrecht gerodet, auf einem Dutzend großer Häufen liegen Pflanzenreste. Dazwischen steht nichts mehr.

Helmut Zartner (DU) verdächtigte im Stadtrat zunächst die Stadt. „Da wurden überall Saalweiden gefällt, die für die Bienen besonders wertvoll sind. Jetzt liegen sie herum.“ Und mit lauter Stimme fügte er hinzu: „Ein Privatmann wäre bestraft worden.“ Doch wer ist dafür verantwortlich? „Die Stadt hat das nicht veranlasst“, sagte Ludolf Tyll, Referent für Umwelt, Verkehr und Meldewesen. „Wo bleibt dann die Strafe?“, hakte Zartner nach. Tyll: „Warten Sie ab, ein Verfahren ist eröffnet.“

Verstoß gegen die Baumschutzverordnung?

Ulrike Gote (Grüne) reichte diese Auskunft nicht. „Sie wissen doch mehr.“ Tyll verwies auf das laufende Verfahren. „Danach kann ich gerne berichten.“ Baureferentin Kelm sagte: „Ich kann aktuell nicht beurteilen, ob es sich um einen üblichen Rückschnitt oder mehr handelt. Aber ich bin dafür, das Grün wiederherzustellen.“

Am Donnerstag fragte der Kurier bei der Stadtverwaltung nach. „Wer der mutmaßliche Verursacher ist, kann aus Gründen des Datenschutzes nicht mitgeteilt werden“, sagte stellvertretende Pressesprecherin Kerstin Dettlaff-Mayer. „Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass ein Verstoß gegen die Baumschutzverordnung vorliegt. Ein Ordnungswidrigkeitsverfahren wurde eingeleitet, dessen Ergebnis abzuwarten bleibt.“

 

Ein Verstoß gegen die artenschutzrechtliche Schonzeit für brütende Vögel, die am 1. März begonnen hat, liege nicht vor. „Die Abholzung wurde bereits im Februar vorgenommen“, sagte Dettlaff-Mayer.

Zurück in den Stadtrat: 27 Stadträte stimmten dafür, den Flächennutzungsplan zu ändern. 13 waren dagegen. Neben den fünf Grünen-Vertretern auch Mandatsträger aus den Reihen der FDP/DU, des Jungen Bayreuth und der SPD-Fraktion.