21. Oktober 2019 - 13:17

Teufelskreis: Schwanger im Schuldenturm

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BAYREUTH. Ohne Moos nix los. Ein Spruch, der lustig klingt, aber nicht in den Ohren von jemanden, dem die Schulden über den Kopf wachsen. Eine 32-jährige Frau aus dem Landkreis landet aus Geldnot im Schuldenturm und danach für Straftaten vor Gericht.




Der Schuldturm oder das Schuldgefängnis, wie es vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert korrekt hieß, war früher ein Sondergefängnis für säumige Schuldner, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkamen. Die Angeklagte des Prozesses, den Strafrichter Eik Launert am Freitag verhandelte, war erst kurz zuvor aus dem modernen Schuldenturm, dem Frauengefängnis in Bamberg entlassen worden. Dort hatte sie 60 Tage gesessen. 60 Tage Haft waren der Ersatz für eine Geldstrafe, die sie für einen Diebstahl aufgebrummt bekommen hatte. Die sie aber nicht zahlen konnte. Und nun das nächste Delikt: Die Frau, die einen Beruf hat, schloss für ihr Auto eine Versicherung ab, aber zahlte nicht. „Ich habe den Brief der Versicherung nicht geöffnet“, gestand die schwangere Angeklagte vor Gericht den Betrug ein.

Und wie es so ist, wenn man sich im Teufelskreis befindet, folgte das nächste Delikt: Die 32-Jährige fuhr mit dem nicht versicherten Auto kurz vor Weidenberg in eine Radarfalle. Die Folge: Ein Bußgeldbescheid und Ermittlungen der Polizei wegen Fahrens ohne Pflichtversicherung.




Hilflos träumend vor dem Geldspielautomaten

In dem Verfahren berichtete die 32-Jährige nur das Notwendigste über sich, aber das reichte aus für ein klares Bild von einem hilflosen Menschen: Die Frau hat ein Kind, das zweite ist unterwegs. Sie hat eine Arbeitsstelle, bei der sie zwischen 1800 und 2500 Euro verdient. Doch das Geld verschwindet, als ob es von einem schwarzen Loch magnetisch angezogen würde. Dieses schwarze Loch besteht aus Schulden in Höhe von 12 000 Euro aus der ersten Beziehung der Frau. Hinzu kommen Schulden bei der Justiz: Im Jahr 2016 versuchte sie Geld zu sparen durch Diebstahl – und bekam 3600 Euro Geldstrafe aufgebrummt.




Je knapper die freie Finanzspanne der jungen Mutter wurde, desto hilfloser ihr Verhalten: Anstatt etwa bei der Versicherung Ratenzahlung zu beantragen, versuchte sie es mit Gehaltsvorschüssen und ging mit ihrem Geld hohes Risiko: „Ich habe Geld abgehoben und es in Geldspielspielautomaten gesteckt in der Hoffnung, mehr rauszukriegen.“ Die Hoffnung trog. Das Geld und die Träume, es mit Glück zu mehren, verschwanden im Münzschlund der Automatenindustrie. „Flucht- und Suchtverhalten“ titulierte ihr Verteidiger Johannes Driendl das irreale Verhalten seiner Mandantin. Driendl, ein altes und erfahrenes Schlachtross in den Bayreuther Gerichtssälen, tat in seinem Plädoyer etwas ungewöhnliches: Er wandte sich gegen einen – vermeintlich milden – Antrag der Staatsanwaltschaft, die für den Betrug und das Fahren ohne Versicherung eine Geldstrafe von 130 Tagessätzen beantragte. Driendl sagte: „Sie wird das wieder nicht zahlen können und dann muss sie 130 Tage absitzen. Und das als Schwangere.“ Driendl plädierte für eine Freiheitsstrafe auf Bewährung, der Bewährungshelfer solle der 32-Jährigen beim Regeln ihrer Schulden helfen.




Der Richter sah es ebenso wie Driendl und verhängte eine viermonatige Bewährungsstrafe. Als Bewährungsauflage setzte Launert 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit fest. Die Angeklagte brauche „Druck“, um ihr finanzielles Chaos zu regeln.