Kostenexplosion: Spielhaus fährt gegen die Wand

Muss eine Ehrenrunde durch die Verwaltung drehen: Der Bauausschuss hat am Dienstagabend die Reißleine gezogen und den Neubau des Spielhauses am Abenteuerspielplatz mit einem mehrheitlichen Beschluss von der Tagesordnung genommen. Der Neubau des Spielhauses hatte sich gegenüber der Entwurfsplanung kostenmäßig fast verdoppelt - weil der Baugrund so schlecht ist, wie erst jetzt herausgekommen sei. Foto: Eric Waha

BAYREUTH. War es das jetzt mit dem Abenteuerspielplatz am Meranierring, der eigentlich ein Ort der offenen Jugendarbeit in dem Stadtteil Roter Hügel ist? Der Bauausschuss hat am Dienstag nach intensiver Diskussion die Reißleine gezogen und den Tagesordnungspunkt des Neubaus des Spielhauses mehrheitlich abgesetzt. Der Grund: Statt der veranschlagten 300.000 Euro soll der Neubau jetzt 565.700 Euro kosten.





Seit mehr als zehn Jahren wird über den Ersatz der Baracke gesprochen, in der sich die Jugendlichen treffen, spielen, in der sie Ansprache finden – in der Jugendarbeit stattfindet. Seit Ende Januar ist der Treff am Meranierring geschlossen, weil er abgerissen und neu gebaut werden sollte. Nach einer Entwurfsplanung, die im Oktober 2018 vom Bauausschuss beschlossen worden war. Die Kosten: 300.000 Euro.

Jetzt allerdings ist alles anders. Die Stadtbaureferentin Urte Kelm legt am Dienstag eine neue Kostenberechnung vor. Dass der Ausschuss sich noch einmal mit einem Gutachten zu dem Thema für den Stadtrat befassen müsse, sei eine Sache, die sie, wie sie sagt, „außerordentlich bedauert“. Nachdem der Ausschuss im vergangenen Herbst die Zustimmung gegeben hatte, habe das Baureferent „erst zu dem Zeitpunkt eine Baugrunduntersuchung in Auftrag geben können“, sagt Kelm.



Baugrund so schlecht

Mit einem Ergebnis, das in seiner endgültigen Form am 18. Februar vorgelegen sei: „Der Baugrund ist so schlecht, dass wir tiefer gründen müssen.“ Allein die andere Form der Gründung koste rund 150.000 Euro. Insgesamt stiegen die Kosten für das Spielhaus auf 565.700 Euro. Sie habe prüfen lassen, ob es andere Möglichkeiten auf dem Grundstück gebe: der Baugrund sei überall gleich schlecht.

Auch Einsparpotenzial habe sie prüfen lassen, sagt Kelm: Mit einem anderen Dach – minus 50.000 Euro – und einer anderen Gründung – minus 45.000 Euro – könne man die Kosten reduzieren, habe aber immer noch eine Steigerung gegenüber dem Limit, das der Ausschuss festgelegt hatte. Man müsse jetzt entscheiden, wie es mit dem Treff dort weitergehe. Er sei „gut nachgefragt, man braucht dort einen Ersatzraum“.



Zeitpunkt ärgert die Stadträte

Was zumindest Teilen des Bauausschusses in die Nase fährt, ist der Zeitpunkt, an dem das Bodengutachten nach den Worten Kelms zurück in der Verwaltung war: Exakt eine Woche nach den Haushaltsberatungen. Und neun Tage vor Verabschiedung des Haushalts für 2019. Folgerichtig sagt Stefan Specht, der CSU-Fraktionsvorsitzende: Seine Fraktion und er seien „ausgesprochen verärgert“, sagt Specht. Es sei „seit Jahren bekannt, dass wir uns in schwierigem Terrain bewegen“. Fachliche Fehler, sagt Specht könnten passieren, was aber „unentschuldbar ist“, sagt Specht, sei die Tatsache, dass im Baureferat bereits „zu den Haushaltsberatungen bekannt gewesen sein muss, dass wir mit erheblichen Kostenmehrungen zu rechnen haben“. Spätestens zur Haushaltsverabschiedung hätte dieser Kostenanstieg „offenbart werden müssen“, sagt Specht. Das Vorgehen sei „in keiner Weise nachvollziehbar“. Deshalb könne die CSU auch nicht mitgehen.



Wann kam das Gutachten rein?

Ähnlich argumentiert Thomas Bauske, Vorsitzender der SPD-Fraktion: „Schockiert“ sei er gewesen, als er in der Vorlage gelesen habe, dass sich die Baukosten „fast verdoppelt“ hätten. Wir dachten, im Herbst geht der Bau los.“ Für ihn stehe die Frage im Mittelpunkt, wann die Bodengutachten vorgelegen hätten und wann Kelm die Prüfung anderer Standorte in Auftrag gegeben habe.



Reißleine ziehen

Für die Grünen-Fraktionsvorsitzende ist die Kostensteigerung „der Punkt, die Reißleine zu ziehen“. Ihre Lösung: Ein Spielhaus in einfacher Form am Meranierring, die Jugendarbeit im Komm. Wie später auch Karsten Schieseck für die BG-Fraktion spielt Steininger auf einen anderen Fall der Informationspolitik an, der den Stadtrat nach wie vor beschäftigt: Es entbehre „nicht einer gewissen Komik“, sagt Steininger, dass Specht die Informationspolitik der Verwaltung anprangere, wenn der Kulturausschuss im Stadtrat zum Thema Zentrum offenbar später als möglich informiert worden sei.



Es geht an den Kindern aus

Für Schieseck ebenso wie für Stephan Huttner (FDP) wichtig: Man brauche den Neubau. „Der Gedanke, der uns umgetrieben hat, war der pädagogische Aspekt“, sagt Schieseck. Die Frage sei jetzt, „wie viel uns das wert ist“. Es habe ihm schlicht „die Schuhe ausgezogen“, sagt Christopher Süss (JB), als er die Vorlage gesehen habe. Er vermisse die von Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe geforderte „Fairness und Transparenz“. Man hätte durchaus wissen können, „dass die Hütte abrutscht“ – das sei kein Geheimnis. „Es wird jetzt an den Kindern ausgehen. Die warten darauf, dass wir in die Puschen kommen“, sagt Süss, dessen Fraktion einen Neubau angeschoben hatte.



Kelm vermisst Hinweis im Vorfeld

Die Verteidigung Kelms: Sie könne erst zu den Stadträten kommen, wenn gesicherte Zahlen und Lösungsmöglichkeiten präsentieren könne. Zudem, sagt Kelm, habe sie die Beschaffenheit des Bodens nicht gekannt, „es wäre hilfreich gewesen, an der Stelle zu sagen, mit der Summe kommt man nicht hin“.




Antrag sorgt für Absetzung

Auf Antrag von Ernst-Rüdiger Kettel (BG) nimmt der Bauausschuss nach weiterer Diskussion quer durch alle Fraktionen den Tagesordnungspunkt schließlich bei vier Gegenstimmen von der Tagesordnung. Der Ball liegt jetzt wieder im Spielfeld der Verwaltung. Sie soll „nach Alternativen“ suchen. Sowohl baulich, als auch räumlich.