21. Oktober 2019 - 13:37

Kerwastreit vor Gericht: Ein Foul und die Folgen

Bei einem Fußballspiel im Frühjahr 2018 gab es im Landkreis ein Foul, das Folgen hatte: Der Gefoulte und der Foulende trafen sich auf einer Kerwa wieder, bei der es zum Streit und zu einem Faustschlag kam. Dieser Faustschlag führte zu einem Strafprozess. Foto: Mularczyk/Archiv

BAYREUTH. Sie waren Sandkastenfreunde, spielten im selben Fußballverein. Doch ihre Wege trennten sich. Im Frühjahr 2018 gerieten sie auf dem Fußballplatz heftig aneinander. Es entstanden Groll und Unversöhnlichkeit, mündend in einen Streit bei einer Kerwa. Ein Strafprozess war die Folge. Obwohl es eigentlich um eine Lappalie ging, könnte der Prozess ernste Konsequenzen haben.




Der Angeklagte: Ein 26-Jähriger, der seine Fußballerkarriere bei einem Verein im westlichen Landkreis begann. Über eine Jugendfördergemeinschaft kam er zu höherklassigen Vereinen und landete zuletzt bei einem Verein im östlichen Landkreis. Im August soll er mit Fußballerkollegen auf der Kerwa in dem Ort im westlichen Landkreis aufgetaucht sein. Bei dieser Kerwa soll er seinem ehemaligen Sandkastenfreund einen Faustschlag verpasst haben.

Der Sandkastenfreund: Er ist Torhüter in seinem Heimatverein. Im Frühjahr 2018 spielte sein Verein in derselben Liga wie der Verein des Angeklagten. Ende April gab es ein Spiel beider Teams, das der Ostverein hoch gewann. Der Angeklagte foulte den Torhüter des Westvereins damals schwer, so dass er wegen seines verletzten Fußes ins Krankenhaus musste.




Die Kerwa: Im August feierte das Dorf im Westen seine Kerwa. Am Kerwasonntag kamen der Angeklagte und einige Mannschaftskameraden des Ostvereins zu Gast. Zeugen sagen vor Gericht aus, dass sie Schmählieder sangen über den „Scheiß“-Westverein. Die Fußballer des Westvereins grölten „Scheiß“-Ostverein zurück. Der Torwart des Westvereins setzte sich an den Tisch seines alten Sandkastenkumpels. Der habe ihn höhnisch nach dem „kaputten Fuß“ gefragt. Und da sei es zum Streit gekommen, Beleidigungen flogen hin und her. Der Angeklagte, so sagt der Torwart im Prozess aus, habe ihm einen Faustschlag gegen die Schläfe verpasst. „Das stimmt nicht“, bestreitet dieser. Wer sagt die Wahrheit? Strafrichter Torsten Meyer musste zehn Zeugen vernehmen und brauchte zwei Verhandlungstage für den Prozess.

Die Zeugen: In zwei Lager gespalten, quasi Westen gegen Osten. Die Westzeugen bestätigen die Behauptung des Opfers. Der Torwart sei von dem Angeklagten geschlagen worden. Drei Zeugen beschreiben die Ausführung des Schlages sehr ähnlich. Ein Zeuge sagt aus, der Angeklagte habe ihm später im Gespräch gesagt: „Freilich hab’ ich ihm eine gegeben“. Es gibt zwei Westzeugen, die auf der Seite des Angeklagten sind: seine Eltern. Beide sagen, sie seien am Tisch ihres Sohnes gesessen. Eine Art Rangelei, ja, das habe es gegeben. Aber keinen Faustschlag. Die Mutter sagt, der Gefoulte habe schon nach dem Foul im Frühjahr gedroht, ihren Sohn anzuzeigen. Einer der Ostzeugen schließt den Faustschlag auf mehrfache Nachfrage aus. Und ein anderer, ebenfalls Fußballer, kommt in Polizeiuniform: „Ich saß daneben. Es gab keinen Faustschlag.“




Die Justiz: Strafrichter Torsten Meyer und Staatsanwalt Stefan Hoffmann machen klar, dass es um viel mehr geht als um eine Körperverletzung: Nämlich um Aussagedelikte. Lügende Zeugen, da wird die Justiz allergisch, denn Richter, Staatsanwälte und Verteidiger sind auf wahrheitsgemäße Aussagen angewiesen. Der Richter betont, dass der Verletzte ein Attest vorgelegt habe: Ein Arzt fand ein Hämatom an seiner Schläfe. Verteidiger Andreas Angerer hält das Polizeiprotokoll entgegen: Am Auge des Torwarts sei nichts zu sehen gewesen – die Polizisten verzichteten auf ein Foto. Also wohl ein Minifaustschlag.

Das Fazit: Der Richter erteilt der Verschwörungstheorie von einem ausgeklügelten Racheplan eine Absage: „Wer etwas gesehen hat, muss sich an einen konkreten Vorgang erinnern. Das war hier der Fall.“ Weit mehr Grund, etwas zu verschweigen, hätten jene, die verständlicherweise den Angeklagten entlasten wollten. Der Staatsanwalt kündigte mindestens ein Verfahren wegen Falschaussage an. Ob auch gegen den Polizisten, ist offen, denn er rang sich zu der Aussage durch, dass der Anzeigeerstatter „vielleicht“ bei der Rangelei getroffen worden sein könnte.

Die Strafe: 90 Tagessätze zu je 30 Euro. 90 Tagessätze kommen nicht ins Führungszeugnis.