Himmelkroner Heime: Vermutlich weitere Fälle von Misshandlung

Die Himmelkroner Heime sind eine Einrichtung der Diakonie Neundettelsau. Foto: Archiv/Gabi Fölsche

HIMMELKRON. In den Himmelkroner Heimen hat es im Herbst 2018 offenbar mehr Vorfälle gegen Behinderte gegeben, als bislang bekannt. Zum Beispiel zu Einsperren ohne richterlichen Beschluss.





Eine Gruppenleiterin soll mit dem Zahnputzbecher einer geistig behinderten Frau auf die Hand sowie einem geistig behinderten Mann als „hirnloses Arschloch“ beschimpft haben. Die Mütter der beiden hatten Anzeige wegen Beleidigung und Misshandlung Schutzbefohlener erstattet, die Kriminalpolizei in Bayreuth ermittelt seit Januar 2019.

Doch es soll weitere Vorfälle gegeben haben, die bislang öffentlich noch nicht bekannt sind. Nach Informationen unserer Zeitung soll die gleiche Gruppenleiterin einen anderen geistig Behinderten mit dem Brotkorb auf den Oberarm geschlagen haben, eine weitere Behinderte soll beim Mittagessen auf den Mund geschlagen worden sein.



Und es hat offenbar eine weitere Misshandlung gegeben: Am Tag, als der Behinderte von der Gruppenleiterin übel beschimpft wurde, soll er von dieser in ein sogenanntes Kaiserbett, ein zimmerhohes vergittertes und verschließbares Holzbett, gesperrt worden sein. Für dieses Einsperren ist ein richterlicher Beschluss notwendig.

Auch das Unlesbarmachen im Berichtsheft einer Praktikantin mit Tipp-Ex, angeblich durch die Gruppenleiterin, ist Gegenstand der Ermittlungen. Die Praktikantin hatte den Vorfall des Schlagens mit dem Zahnputzbecher schriftlich festgehalten.



Versetzungen nach den Vorfällen

Vier Betreuerinnen, die die Vorfälle beobachtet und gemeldet hatten, wurden von der Leitung der Himmelkroner Heime auf einen Schlag in andere Gruppen versetzt. Dies wurde von den Betroffenen als Bestrafung angesehen, während die beschuldigte Gruppenleiterin wieder ihre Aufgabe übernehmen sollte.

Der Leiter der Heime hatte Müttern sinngemäß mitgeteilt, dass die Gruppenleiterin wiederkommt und daran nichts zu ändern sei. Das sorgte für Empörung und Unruhe. Bis zum Abschluss der Ermittlungen ist die Gruppenleiterin in die Verwaltung versetzt worden. Die Leitungskraft soll alles abgestritten haben.



Bei der Kriminalpolizei sind die weiteren Vorfälle offenbar bekannt, da es Zeugenvernehmungen mit entsprechenden Vorwürfen gegeben haben soll. Im Umfeld des Heimes wird ein Widerspruch gesehen zwischen dem christlichen Auftrag der Diakonie und dem Handeln vor Ort.

Auch der Umgang mit den Vorfällen wird kritisiert: Es entstehe der Eindruck, diese unter den Teppich kehren zu wollen.Zum eigenen Schutz und um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, arbeite die Gruppenleiterin derzeit in der Verwaltung, bestätigte Thomas Schaller, Pressesprecher der Diakonie in Neuendettelsau. Man sollte die Ermittlungen der Kripo abwarten, doch sei es „unwahrscheinlich“, dass die Gruppenleiterin in die frühere Konstellation zurückkehre. Die Beschuldigte bestreite alle Vorwürfe, erläuterte Schaller. Was genau geschehen sei, ist „schwer zu beurteilen“. Das Problem: Die Behinderten können nicht sprechen.



„Wir wollen nichts unter den Teppich kehren“

Den Eindruck, dass Mitarbeiter, die Missstände melden, bestraft würden, wies er als falsch zurück. Die Versetzung sei der „internen Gruppensituation“ geschuldet gewesen. „Wir wollen nichts unter den Teppich kehren.“ In der schriftlichen Info der Mitarbeitervertretung mit dem Titel „Der Standpunkt“ vom Februar wird die Frage gestellt: „Was sind wir noch wert als Mitarbeitende am Standort Himmelkron?“

Die Unzufriedenheit „ist schon recht groß, und nicht nur die, sondern auch die Unsicherheit und die Angst“, heißt es in dem internen Schriftstück, das unserer Zeitung vorliegt. Die Mitarbeitervertretung zitiert Aussagen aus den Medien, wonach Kolleginnen nach Anzeige eines Fehlverhaltens umgesetzt wurden, während die Person mit dem Fehlverhalten an ihrem Arbeitsplatz bleibt. Dies sei ein „nicht nachvollziehbares Signal“.




Die Mitarbeitervertretung habe sich für einen würdevolleren Umgang eingesetzt bis hin zum Rektor der Diakonie, doch eine Abkehr von den Umsetzungen konnte nicht erreicht werden. Für viele bedeute dieses Signal: „Nichts mehr sagen, nichts mehr anzeigen. Schön unauffällig bleiben.

“ Die Mitarbeiter der Diakonie seien erwachsene und mündige Menschen, die Mitarbeitervertretung erwarte, „dass sie auch so behandelt werden“ und ruft dazu auf, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Das Polizeipräsidium Oberfranken in Bayreuth bestätigte Ermittlungen gegen ein Mitglied des Pflegepersonals. Nähere Angaben wurden nicht gemacht.