26. Februar 2020 - 18:23

Früherer Richter klärt auf: Warum der Mörder von Bonhoeffer freigesprochen wurde

Der pensioniete Richter am Landgericht, Heinz Ponnath, informierte über NS-Unrecht. Eingeladen zu dem Vortrag hatten das Evangelische Bildungswerk und der Historische Verein für Oberfranken. Foto: Ralf Münch

BAYREUTH. Mit einem dunklen Kapitel deutscher Justizgeschichte beschäftigt sich der pensionierte Bayreuther Richter Heinz Ponnath. Und er beantwortet die Frage „Warum der Mörder von Dietrich Bonhoeffer 1956 freigesprochen wurde“.




Das Interesse war unerwartet groß. Rund 130 Zuhörer waren zum Vortrag ins evangelische Gemeindehaus gekommen, um sich über diesen weithin unbekannten Justizskandal aufklären zu lassen. Am 9. April 1945 wurden der evangelische Pfarrer Bonhoeffer, Admiral Wilhelm Canaris, General Hans Oster, Generalstabsrichter Karl Sack und Hauptmann Ludwig Gehre als Mitglieder des Widerstands im KZ Flossenbürg wegen Hoch- und Kriegsverrats zum Tode verurteilt. Ein Standgericht unter Vorsitz des SS-Sturmbannführers Otto Thorbeck hatte den Schuldspruch gefällt. 1955 verurteilte das Landgericht Augsburg Thorbeck wegen Beihilfe zum Mord zu einer vierjährigen Zuchthausstrafe, der Bundesgerichtshof (BGH) hob das Urteil 1956 auf und sprach ihn frei.




Schwarz-Weiß-Film über Verhandlung

Ponnath, der seit 2017 im Ruhestand ist, beschäftigt sich sei den 80er-Jahren mit diesem Fall. Um die damaligen Geschehnisse plastisch zu machen, ließ er einen historischen Schwarz-Weiß-Film des Bayerischen Rundfunks über die Gerichtsverhandlung in Augsburg zeigen, der aus dem Archiv der Landesbildstelle stammt. Damals war das Filmen im Gerichtssaal noch erlaubt. Thorbeck trat selbstbewusst auf und verwahrte sich gegen die Aufnahmen.




Großes Interesse

Ponnath berichtete von einem nach wie vor großem Interesse an dem Thema, wie die deutsche Strafjustiz mit der Ermordung führender Vertreter des deutschen Widerstands kurz vor Kriegsende umgegangen ist. Das Landgericht Augsburg hatte in seinem Urteil festgestellt, dass Thorbeck als SS-Richter kein Verfahren gegen Bonhoeffer, Canaris, Oster, Sack und Gehre führen durfte, weil sie der Wehrmachtsjustiz unterstanden. Die ihnen vorgeworfenen Taten lagen schon längere Zeit zurück, sodass sie nicht Gegenstand eines Standgerichtsverfahrens sein konnten. Dies wusste Thorbeck auch, wie er in seiner Einlassung vor dem Landgericht mitgeteilt hatte. Auch Verteidiger gab es nicht. In Kenntnis dieser Fakten hatten die Richter des BGH Thorbeck 1956 freigesprochen und festgestellt, dass er mit den Todesurteilen rechtmäßig gehandelt habe.




„Mordbefehl durchgeführt“

Ponnath hingegen bezeichnete das BGH-Urteil als falsch. Das Verfahren in Flossenbürg sei mit „schweren Fehlern“ behaftet gewesen. „Thorbeck hat einen Mordbefehl durchgeführt, das ganze Verfahren war nur Schein“, betonte er. Mit dem BGH-Urteil sei es faktisch nicht mehr möglich gewesen, Richter, die dem NS-Regime dienten, strafrechtlich zu belangen. Denn diejenigen, die sich gegen Hitler auflehnten, seien nach der Rechtssprechung des BGH Landes-, Kriegs- und Hochverräter. Nach dem Urteil sei eine Wende in der Verfolgung von Justizunrecht eingetreten. Bereits knapp sechs Monate später bestätigte der BGH den Freispruch von zwei Vorsitzenden in Standgerichtsverfahren. In der Folgezeit wurden Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Richter und Staatsanwälte des berüchtigten Volksgerichtshofes eingestellt.




Viele wollten Schlussstrich ziehen

Ponnath stellte die Frage, wie es zu dem Urteil kommen konnte. Die Stimmung sei 1956 so gewesen, dass weite Teile der Bevölkerung einen Schlussstrich unter die NS-Zeit und deren Verbrechen ziehen wollten. Und: In den 50er-Jahren seien viele Richter des BGH in die NS-Zeit verstrickt gewesen. Viele Zuhörer reagierten erschüttert auf die Forschungen und dankten Ponnath mit viel Applaus für dessen Engagement. Auch die Spitze der Bayreuther Justiz war unter den Zuhörern, um die Forschungen ihres Kollegen zu würdigen.