„Draußen vor der Tür“: Studiobühne bringt Gefühle in den Saal

Foto: Studiobühne Bayreuth

BAYREUTH. Es ist ein Stück, das unter die Haut geht. Am Freitagabend fand die Premiere zum Nachkriegsdrama „Draußen vor der Tür“ von Wolfgang Borchert im ausverkauften Obergeschoss der Studiobühne statt. Sechs Schauspieler schafften es in der Inszenierung ohne Pause, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Am Ende flossen bei manchen sogar Tränen.




Das Bühnenbild ist schlicht gehalten, der Boden der Bühne schräg verlaufend. In der Mitte steht eine große Tür, angebracht auf einer überdimensionalen Uhr. Und diese Tür wird sich im Laufe des Spiels oft drehen und sinnbildlich zuschlagen. Das Stück spielt in Hamburg, in der Nähe der Elbe, irgendwo bei den Landungsbrücken. Und es handelt vom Kriegsheimkehrer Beckmann, der sterben möchte.

Er hat durch die traumatischen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg nicht nur seine körperliche Unversehrtheit in Russland, seine Familie und den Lebensmut verloren, sondern auch seine Identität, denn er lässt sich nur mit seinem Nachnamen rufen. Beckmann sucht im Laufe des Stücks Antworten auf sein Grauen, besucht dazu seinen ehemaligen Oberst, spricht sogar mit Gott. Doch es scheint, als würden alle versuchen, das Erlebte möglichst zu verdrängen und die Schuld von sich zu weisen.



„Draußen vor der Tür“ ist ein Stück, das die komplette Spielzeit von über einhundert Minuten lang bedrückt. Den ganzen Abend hindurch war die Atmosphäre im Publikum angespannt, immer wieder hörte man schweres Atmen. Eine grandiose Leistung der sechs Schauspieler, die einen den Schmerz der Figuren fast schon nachfühlen ließen. Durchgehend litt man als Zuschauer mit Beckmann mit, immer wieder fragte man sich: Kann ein Mensch, der schon alles verloren hat, noch mehr Schicksalsschläge ertragen? Dennoch wurde nach und nach aufgedeckt, dass trotz der immer wieder vorgebrachten Anklagen Beckmanns anderen gegenüber keine der Figuren gänzlich ohne Schuld ist.
Diese Inszenierung von Anja Dechant-Sundby dürfte mit Abstand eine der stärksten der Studiobühne in den letzten Monaten sein. Die Figur Beckmanns ist besetzt mit Sascha Retzlaff und Tim Haensell, die jeweils in ihrer Doppelrolle brillierten und auch optisch perfekt besetzt sind – auf der einen Seite der dünne, langhaarige Beckmann, ohne Hoffnung und Lebensmut und auf der anderen Seite der athletische, hoffnungsvolle Beckmann, der immer wieder versuchte, sein Pendant vom Freitod abzuhalten. Das Schauspiel der beiden talentierten Hauptdarsteller war derart ergreifend und emotional, dass bei einigen Zuschauern sogar die Tränen flossen. Am Ende quittierte das Publikum die Akteure zurecht mit langem Beifall und Bravo-Rufen.