Witwe vor Gericht: Angriff an der Thujahecke

Eine 84-jährige, die im Streit mit ihren Nachbarn liegt, ist nun für einen tätlichen Angriff an der Thujahecke vor Gericht gestellt worden. Foto: Archiv/red

BAYREUTH. Ein langer Nachbarschaftsstreit wird zum Krieg. Eine 84-Jährige greift zur Schaufel und attackiert ihren Nachbarn unter wüsten Schimpfworten. Im ihrem Prozess spuckt die wegen Beleidigung und gefährlicher Körperverletzung angeklagte Frau Gift und Galle. Es ergibt sich noch ein anderer Verdacht.





In einem idyllischen Bayreuther Ortsteil verläuft eine Front. Direkt am Gartenzaun. Hier tobt seit geraumer Zeit ein Nachbarschaftsstreit, dessen extremsten Auswuchs nun Strafrichter Eik Launert und Staatsanwältin Janina Leinhäupl ausbaden mussten.

Angeklagt ist eine 85-jährige Frau, Witwe und Rentnerin. Sie lebt alleine in ihrem Anwesen. Sonntags lässt sie sich zur Kirche fahren, auch um dort am Friedhof ihrem verstorbenen Mann nahe zu sein. „Ich hab immer meine Arbeit gemacht“, sagt sie. „Und jetzt das. Jetzt wird schlecht über mich geredet.“ Sie leidet an einem verdorbenen Lebensabend.

Ihr Unglück, so sagt sie, begann damit, dass ihr Mann damals Land verkauft hat zu einem viel zu niedrigen Preis. Und dass neue Nachbarn gekommen sind, viel jüngere Leute, die sie nicht respektieren. Die Feuer machen direkt am Gartenzaun. Die laut seien nach 23 Uhr. Denen man dann schon mal rüberrufen müsse: „Ist jetzt bald mal Ruh’?“ Die aber nicht drauf regieren.



Ein giftiges Gewächs

Sie fühle sich abfällig behandelt, von diesen Leuten, die ihren wilden Wein auf ihr Grundstück herüber wuchern ließen. „Den sie dann abschneiden und ihren Nachbarn aufs Garagendach werfen“, warf Richter Launert erfolglos ein, denn die Angeklagte war in Fahrt und beklagt die Hecke, die die Nachbarn gepflanzt hätten: Die sei ein giftiges Gewächs.

Die Nachbarn, ein 45-jähriger Mann und seine Frau, erleben nach seinen Worten als Zeuge vor Gericht „Terror“: Die 85-Jährige rufe ständig Beleidigungen über den Zaun, seine Frau sei „die Schlampe“. Lügen „übelster Art“ setze die Angeklagte in Umlauf. „Jetzt vor kurzem, das hab’ ich gesagt: Jetzt geht’s nicht mehr“.

Der 45-Jährige meint den angeklagten Vorfall vom 20. September: Der Zeuge stand am Gartenzaun auf einer Trittleiter und wollte mit einer Astschere überhängende Zweige und Äste kappen, die vom Nussbaum im Nachbargarten herüber ragten. „Es dauerte fünf Minuten, dann kam sie an und schrie wild rum. Erst kam ein Stock durch die Thujahecke. Der war so morsch, den konnte ich leicht abwehren. Und dann hab’ ich die Schaufel über meinem Kopf gesehen. Wenn ich nicht hochgeblickt hätte, hätte sie mich getroffen.“ Der Zeuge sagte aus, er habe die Schaufel mit der Hand abgewehrt, sich dabei am Arm Abschürfungen zugezogen.



„Sogar mein kleiner Jagdterrier weiß Bescheid“

Die weißhaarige Angeklagte quittierte die belastende Aussage mit den Worten: „Das darf doch nicht wahr sein.“ Ihrer Aussage, sie habe die Astschere „wegdrücken“ wollen, widersprach der Zeuge auf Vorhalt des Richters: „Sie hat definitiv nach mir geschlagen.“

Die angeklagte Rentnerin beharrte darauf, dass sie das Opfer in dieser Geschichte sei: Erzählte, wie die Nachbarin mit Gartenmüll ihre Garageneinfahrt blockiert habe und wie sie dann damit drohte, sich mit dem Taxi zur Kirche fahren zu lassen – auf Kosten der Blockierer.




„Der einzige, der schreien darf, bin ich!“

Immer lauter wurde die Angeklagte. Sie lasse sich doch von „diesen Leuten“ nicht „meine Bäume zusammensägen.“ Und überhaupt: Im Streit um die Äste vor der Garage habe die Nachbarin sie mit der Hand gedrosselt. „Sogar mein kleiner Jagdterrier weiß Bescheid, er bellt, wenn er sie sieht.“ So laut wurde die Angeklagte, das Richter Launert zurückrief: „Sind sind jetzt mal ruhig. Der einzige, der in diesem Gerichtssaal schreien darf, das bin ich.“

Der Nachbar im Zeugenstand sagte: „Man hat das Gefühl, sie verliert die Einschätzung.“ Dieses Gefühl bekam der Strafrichter im Prozessverlauf ebenfalls: Er beschloss, die Beweisaufnahme abzubrechen und weitere Zeugen nach Hause zu schicken.

Die 85-Jährige wird nun einen Termin beim Psychiater bekommen, der sie auf ihre Schuldfähigkeit untersuchen soll. Danach wird der Prozess von vorne beginnen. „Wenn sie da nicht hingehen, lasse ich sie von der Polizei hinbringen“, verabschiedete der Richter die Seniorin.







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