16. Februar 2020 - 20:35

Landratsamt prüft Gebietsart: Darf die Ziegenherde im Dorf bleiben?

Noch immer ist nicht klar, ob in Pechgraben Ziegen gehalten werden dürfen: Das Landratsamt in Kulmbach prüft die Angelegenheit noch immer. Foto: Gabi Schnetter

PECHGRABEN. Ziegen haben’s schwer in Pechgraben. Weil die Nachbarin dagegen ist. Obwohl der Gemeinderat von Neudrossenfeld die Ziegenhaltung in dem Ortsteil erlaubt hat, muss das Landratsamt den Ziegenstall noch genehmigen. Die Anwohner sehen die ganze Landwirtschaft des Dorfes in Gefahr.




Auf der einen Seite wohnt das Ehepaar Küfner zusammen mit der Landwirtin Astrid Gerstacker-Brunne. Die beiden Frauen wollen auf früheren landwirtschaftlichen Anwesen eine Ziegenzucht aufziehen mit Käserei und Hofladen. Auf der anderen Seite wohnt Landschaftsarchitektin Silvia Eichner. Die Nachbarin fühlt sich vom Geruch des Ziegenbocks auf der anderen Seite des Gartenzauns belästigt. Außerdem ist ihr die Herde zu groß. Weil sie negative Auswirkungen auf ihren Betrieb fürchtet, schaltete sie eine Bayreuther Anwaltskanzlei ein.

Auf Kurier-Anfrage sagte Silvia Eichner am Freitag am Telefon: „Ich äußere mich nicht zu dem Vorgang, weil die Ziegenhaltung ein ungenehmigter Zustand ist, den zu klären jetzt Aufgabe des Landratsamtes ist.“




Ist das Dorf kein Dorf mehr?

Die Juristen argumentieren gegenüber dem Landratsamt, so Kathrin Küfner, dass in Pechgraben die Wohnnutzung überwiege. Es seien neue Wohnhäuser entstanden und Bauernhäuser zu Mietwohnungen umgewandelt worden. „Die landwirtschaftliche Prägung wird infrage gestellt“, berichtet sie. Das Dorf soll inzwischen zu einem allgemeinen Wohngebiet geworden sein. Der gegenüberliegende Milchviehhalter und sein Betrieb fielen als Störfaktor auf, schildert sie. Es stimme auch nicht, dass der Wind die Gerüche hauptsächlich auf die andere Seite trage.

Die Scheunen beider Nachbarn grenzen direkt aneinander. Kathrin Küfner hat auf ihrer Seite die Ziegen untergebracht, die hinter dem Stall noch einen großen Auslauf haben. Auch Eichner halte ihre Ziegen in der Scheune, so Küfner. Und wer einen Besuch macht, sieht: Die Ziegen leben Wand an Wand. Draußen trennt sie nur der Gartenzaun.




Wo sind Ziegen zulässig?

Im Gemeinderat wurde der Bauantrag von Kathrin Küfner sehr schnell abgesegnet. Auch der Bauausschuss hatte empfohlen, der Nutzungsänderung zuzustimmen. Zur endgültigen Genehmigung liegt die Sache seitdem beim Landratsamt in Kulmbach. Auf Anfrage des Kurier teilte die Kreisbehörde mit: „Das Prüfverfahren läuft derzeit noch. Daher können wir momentan noch keine expliziten Auskünfte zum Verfahren geben.“ Die Änderung der Nutzung einer baulichen Anlage sei immer dann genehmigungspflichtig, wenn für die neue Nutzung andere öffentlich-rechtliche Vorschriften gelten würden. Die Scheune sei zwar früher schon zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt worden. Doch seien darin nie Tiere, und vor allem nie Ziegen gehalten worden. Das Landratsamt ist deshalb zum Ergebnis gelangt, dass die Haltung von Ziegen eine genehmigungspflichtige Nutzungsänderung ist, deren rechtliche Zulässigkeit geprüft werden muss. Deshalb sei der Bauantrag notwendig gewesen.

Seit dem Gemeinderatsbeschluss im November 2018 hängen die Ziegenhalter in der Luft. Die Pläne, eine Käserei mit Hofladen zu betreiben und Kinder auf dem Hof Einblicke in die Landwirtschaft zu geben, liegen auf Eis. Für die beiden Frauen bedeutet das betriebswirtschaftliche Unsicherheit. „Unsere Ziegenhaltung steht auf der Kippe.“ Kathrin Küfner zufolge sind bereits Behördenvertreter von Landratsamt und Landwirtschaftsamt in Pechgraben gewesen. Im Dorf ist derzeit nur noch ein Bauernhof in Betrieb. Andere Höfe wurden im Laufe der Jahre stillgelegt. Die Ämter wollen jetzt herausfinden: Ist das jetzt noch ein Dorf oder schon eine Siedlung?




Vorgaben richten sich nach der Gebietsart

Nach Auskunft des Landratsamts stellt sich die Lage so dar: „Die Qualifizierung eines Gebiets kann, verkürzt gesagt, auf zwei Arten erfolgen: Entweder steuert das die Gemeinde über einen Bebauungsplan oder die vorhandene Bebauung bestimmt, was dort zulässig ist. Da es im ,alten‘ Pechgraben und damit im Bereich der beabsichtigten Ziegenhaltung keinen Bebauungsplan gibt, kommt es darauf an, welche Art von Gebiet der jetzige Baubestand darstellt. Das Landratsamt hat sich also mit der Frage zu befassen, ob es sich bei dem Gebiet des „alten“ Pechgraben um ein Dorfgebiet, ein Mischgebiet oder eine sonstige „Gemengelage“ handelt. Diese baurechtliche Frage ist noch nicht geklärt. „Je nach Art und damit Schutzwürdigkeit des anzunehmenden Gebietes kann es daher Unterschiede geben, in welchem Umfang Ziegen/Böcke/Nachwuchs gehalten werden dürfen. Mögliche Vorgaben lassen sich demnach erst feststellen, wenn das betreffende Gebiet bestimmt wurde.“

Fragt man Nachbarn, sind sie sich einig: Wer auf dem Land wohne, habe einen gewissen Lärmpegel und Gerüche aushalten, die durch Landwirtschaft entstehen. „Das ist auf dem Land einfach so“, sagt Friedhelm Bettenhausen, der auf der anderen Seite des Küfnerschen Anwesen wohnt. „Mir ist das lieber als Feinstaub.“ Mit seiner Frau habe er sich bewusst dafür entschieden, aus Land zu ziehen. Kühe, Pferde, Hühner, Ziegen: „Natürlich rieche ich das und man muss das mögen. Wir fanden das aber klasse.“ Seine Freunde seien begeistert von der „Ponyhof-Idylle“ in Pechgraben. Wenn der Dorfcharakter verloren ginge, würde sich das auf die Emissionsvorschriften und wohl auch auf den Verkehr auf der Kreisstraße auswirken. „Unser Dorf soll ein Dorf bleiben.“




Vorschlag: Die Ziegen aussiedeln

Wenn das Landratsamt die Pläne stoppt, bleibt dem Ehepaar Küfner und der Landwirtin Astrid Gerstacker-Brunne nur der Klageweg. Letztere wohnt in einem ausgebauten, alten Zirkuswagen – was der Nachbarin ebenfalls missfiel. Ein Vorschlag von ihr: Die Ziegen könnten ausgesiedelt werden und hinter der Scheune auf einer Wiese leben. Damit können sich jedoch die Halter nicht anfreunden, „weil wir hier mit unseren Ziegen leben wollen“.

Hans Rieß, fast 62 Jahre alt, ist gerne Landwirt. „Ich darf noch vier Jahre arbeiten bis zur Rente.“ Das sagt er ohne süffisanten Unterton. Für „seine Mädels“, wie er die 25 Milchkühe in seinem Stall in der Ortsmitte von Pechgraben gerne nennt, hat er 2013 den Stall an- und ausgebaut. Das Amt für Landwirtschaft habe ihm zwar geraten abzusiedeln, doch er wollte im Ortskern bleiben. Auch aus Kostengründen. 38 neue Kuhplätze hat er damals geschaffen, ab 90 erst hätte es eine Förderung gegeben. Doch die Investition war ihm einfach zu hoch. Seine Frau Jeannette arbeitet, und „so haben wir unser Auskommen, sagt er. Auch wenn es nicht immer leicht ist. Wegen des trockenen Sommers im letzten Jahr hat er seinen Kuhbestand reduziert. Trotzdem muss er Futter zukaufen. „Zwei Lastzüge und schon ist das Milchgeld für einen halben Monat weg. Hochleistungstiere wie diese Milchkühe kann man halt nicht nur mit Heu füttern.“




Miteinander auskommen

Nun wird sein Bauernhof als störend bezeichnet. Was sagt er dazu, dass seine Nachbarin auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihn aus dem Dorf haben möchte? „Mich kratzt das wenig. Ich habe immer versucht, mit allen gut auszukommen.“ Gerne habe er Rücksicht genommen, etwa wenn er Gülle fahren musste. „Doch im Gegenzug erwarte ich den gleichen Respekt. Das ist leider nicht mehr gegeben.“

Karin Schülein ist Lehrerin und lebt seit 1996 gemeinsam mit ihrer Familie – und seit kurzem auch mit Hühnern – im Neubaugebiet von Pechgraben. Sie hat sich sehr gefreut über das Engagement eines jungen Paares, „das den Mut hat, sich mit einem Landwirtschaftsbetrieb selbstständig zu machen.“ Sie sei damals ganz bewusst nach Pechgraben in ein Dorf gezogen, in dem man mit der Landwirtschaft lebt. „Es ist uns wichtig, zu sehen, wo die Lebensmittel her kommen.“ Ihrer Tochter Johanna hat sie zur Hochzeit einen mobilen Hühnerstall geschenkt, in dem heute drei Hühner leben. Den Streit um die Ziegenhaltung findet sie schlimm, auch die Auswirkungen, dass dann ein Dorf nicht mehr Dorf sein könne. „Es betrifft dann ja jeden Betrieb, der früher Bestand hatte und vielleicht wollen später die Erben wieder etwas Landwirtschaftliches aufbauen.“ Für Karin Schülein hängen viele Kindheitserinnerungen daran. „Frische Milch holen beim Hans im Dorf. Das möchte ich auch, dass es meine Enkel erleben.“







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