20. Februar 2019 - 12:12

Bayreuths erste Stadträtin: Enkelin Erika hat noch viele Erinnerungen

Das älteste Foto im Besitz von Enkeltochter Elke Kassulat zeigt Christiane Hammon (rechts) zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und Bruder Lorenz. Gewohnt hat die Familie in Ziegelhütte bei Nemmersdorf.Foto: red

BAYREUTH/BENK. „Weiße Blusen, sie hatte immer weiße Blusen an.“ Auch wenn die Erinnerung an ihre Kindheit in den Jahrzehnten verblasst ist – an ihre Oma Christiane Schels, geborene Hammon, verwitwete Gick, kann sich Elke Kassulat noch bestens erinnern. Ist sie doch bei ihr aufgewachsen in dem Häuschen Hammerstatt 2. Dass ihre Oma eine bedeutende Person der Bayreuther Geschichte ist, war Elke Kassulat nicht klar. Bis die seit den Siebzigerjahren in Benk wohnende Enkeltochter im Kurier las, dass ihre Großmutter im Juni 1919 als erste Frau in den ersten frei und demokratisch gewählten Stadtrat einzog. Die 30-jährige Fabrikarbeiterin hatte auf Platz vier der Liste der USPD, die sechs Sitze erringen konnte, kandidiert. Und ihre Enkeltochter besitzt etwas, was man im Bayreuther Stadtarchiv vergeblich sucht: mehrere Fotos ihrer Großmutter.




Dunkle, leicht gewellte kurze Haare, eine weiße, hochgeschlossene Bluse, eine lange Halskette und ein leichtes Lächeln: so sitzt die junge Christiane auf dem Foto, dem ältesten, das Elke Kassulat im Nachlass ihrer Mutter fand. Mit auf dem Bild sind die Schwester und der Bruder von Christiane Gick zu sehen sowie ihre Mutter. Die Namen von Mutter und Schwester weiß die 70-Jährige nicht mehr. Aber dass der Sohn Lorenz hieß und dass die Familie in Ziegelhütte, einem Ortsteil von Nemmersdorf, wohnte. Wann der Umzug nach Bayreuth erfolgte, lässt sich heute in der Familie nicht mehr erfahren. Bekannt ist nur, dass die am 2.März 1889 geborene Christiane Hammon als Arbeiterin in der Bayreuther Weberei tätig war. Und dass sie in jungen Jahren schon Mutter wurde. 1909 kam ihr erster Sohn Lorenz zur Welt. „Den Vater wollte sie partout nicht heiraten“, sagt ihre Enkeltochter Elke. Lorenz trug deshalb den Mädchennamen seiner Mutter. Der von allen Lenz genannte Sohn starb 1978. Er sollte kein Einzelkind bleiben. 1914 kommt Tochter Alma zur Welt, ihre Mutter trug zu diesem Zeitpunkt den Familiennamen Gick. Mehr als der Nachname ist in der Familie nicht über den Mann bekannt, den Christiane geheiratet hat. Ob er im Ersten Weltkrieg umgekommen ist oder erst danach starb, wissen Elke Kassulat und ihr Enkelsohn Daniel nicht. Tochter Alma starb 2006.




Ein mühsames Leben

Christiane sei eine sehr intelligente Frau gewesen, sagt ihre Enkeltochter.Gescheit und gewand wie alle Frauen in der Familie, fügt sich lächelnd an. Und wie alle diese Frauen habe sie ein mühsames, ein von Arbeit bestimmtes Leben führen müssen. „Zuhause bleiben und Hausfrau sein kam für sie und alle anderen Frauen der Arbeiterfamilien nicht in Frage“, sagt Enkelin Elke. Zum einen hätte ein Hausfrauendasein nicht in ihr Weltbild gepasst, zum anderen mussten die Frauen arbeiten, weil das Geld knapp war, der Lohn der Männer, die ebenfalls alle in der Weberei gearbeitet hätten, nicht gereicht hätte, um die Familie zu ernähren. Trotz der langen Arbeitstage habe man sich auch noch politisch engagiert. Alle Männer waren damals und danach immer Mitglieder der SPD. Es sei üblich gewesen, sich für die Belange der Arbeiterschaft einzusetzen, für sie zu kämpfen. Inwieweit aber Christiane während der unruhigen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg sich in die Politik einbrachte, weiß Enkelin Elke nicht. Nur ihre Kandidatur für den Stadtrat im Juni 1919 ist bekannt. Fotos aus der Zeit existieren nicht. Auf dem Bild des ersten Bayreuther Stadtrates sind 30 Männer abgelichtet, die einzige Stadträtin Christiane Gick fehlt. Das könnte bedeuten, dass das Bild erst nach ihrem Austritt aus dem Stadtrat im Dezember 1920 entstanden ist. Oder, zweite Variante: das Bild zeigt 29 Stadträte zusammen mit dem damaligen Oberbürgermeister Leopold von Casselmann. Christiane scheint sich zu dieser Zeit länger in München aufgehalten zu haben. Darauf lassen zwei handschriftlich verfasste Schreiben schließen, die sie im November aus München abgeschickt hat. Das erste Schreiben vom 10. November ist an Jakob Schneider, den Spitzenkandidaten der USPD und Stadtratskollegen, gerichtet. Darin teilt sie ihm mit, dass sie ihr Mandat niederlegen will, da in der Partei wohl Kritik an ihrer langen Abwesenheit aufgekommen sei. Im zweiten Schreiben, an den Stadtrat gerichtet, erwähnt sie kurz den Grund für ihre Abwesenheit: Ein Lehrgang, den früher aufzugeben sie sich nicht genötigt sehe und sie deshalb den Stadtrat darum bitte, „mich von meinem Amt zu entheben“. Ob es ein beruflicher oder ein politischer Lehrgang war, ist Elke Kassulat nicht bekannt.




In München geheiratet

Nach Bayreuth zurückgekehrt ist Christiane Gick aber nicht nur mit mehr Wissen, sondern auch mit einem neuen Ehemann. Die Heiratsurkunde hütet Enkeltochter Elke wie einen Schatz. Darauf ist vermerkt, dass die Witwe Christiane Maria Gick, geborene Hammon, am 16. Dezember 1920 den Schreiner Josef Schels, geboren am 30. März 1886, geheiratet hat. Aus der Ehe gehen die Kinder Max und Anna, geboren 1925, hervor. Das Geburtsdatum von Max weiß Elke Kassulat nicht, auch nicht sein Todesdatum. Der Wehrmachtssoldat Max sei wohl in Russland gefallen und gilt als vermisst. Anna Schels, Elkes Mutter, ist 2017 verstorben.




Ein Vorname – drei Schreibweisen

Ungeklärt für alle Zeiten wird wohl ein Geheimnis bleiben, das sie mit ins Grab genommen hat. Das um den Vornamen der ersten Bayreuther Stadträtin. So lässt sich nirgends ein Beleg dafür finden, dass sie vier Vornamen hatte. „Christiana Johanna Josefa Maria seien ihre Vornamen, hat sie mir mal gegenüber betont“, sagt Enkeltochter Elke. In ihrem Personalausweis von 1962 steht als Vorname Christianne, unterschrieben hat sie mit Christiane. Nur in ihrer Sterbeurkunde steht als zweiter Vorname Maria. Gestorben ist Christiane Schels, verwitwete Gick, geborene Hammon am 9. März 1966, wenige Tage nach ihrem 77. Geburtstag.







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