Tod im Klinikum: Gerichtsmediziner rügt brisanten Arzneicocktail

Eine alte Dame stirbt im Klinikum Bayreuth nach dreimonatigem Martyrium. Ihre Tochter ist überzeugt: Die Ursache sind Fehler bei der Behandlung. Foto: Patrick Seeger/dpa

BAYREUTH. Eine alte Dame kommt ins Klinikum Bayreuth mit Verdacht auf Herzrhythmusstörungen. Drei Monate später stirbt sie dort, nach einem Martyrium mit mehreren Operationen. Die Tochter ist überzeugt: Ihre Mutter musste sterben, weil im Klinikum gleich mehrere Fehler gemacht wurden, sie klagt auf Schmerzensgeld. Ein Gutachter sagt vor dem Gericht in Bayreuth: Der Tod der 85-Jährigen durch einen Herzinfarkt hat mit dem, was zuvor im Klinikum richtig oder möglicherweise falsch gemacht wurde, nichts zu tun. Aber er findet auch deutliche Worte zu der Medikamentenvergabe an die alte Dame.





Wenn Angehörige vor Gericht gehen, weil ein naher Verwandter starb, dann geht es immer um tiefe Emotionen, um unbewältigte Trauer, um verletztes Gerechtigkeitsempfinden, um Gefühle der Ohnmacht und auch Wut. Und, ja, es geht auch um Geld. Die private Krankenversicherung der alten Dame zahlte nach Kurierinformationen einen sechsstelligen Betrag. Dem jetzigen Zivilprozess waren strafrechtliche Ermittlungen vorausgegangen, die eingestellt wurden.

Was diesmal anders war: Der Gutachter, Prof. Peter Betz von der Gerichtsmedizin Erlangen, blieb im Grunde bei der Aussage des ersten Gutachtens: keine kausale Verbindung zwischen Tod und vorangegangener Behandlung. Er hatte sich aber die Krankenakte der Patientin noch mal genau angesehen. Und war dabei auf eine problematische Kombination und Dosierung von Arzneien gestoßen.



Alle Tabletten auf einmal

Das war geschehen: Am 17. August 2013 kommt die 85-jährige Emmy F. ins Klinikum, sie ist beim Frühstück zusammengebrochen. Im Klinikum wird ein vergrößertes Herz und eine Arterienerweiterung festgestellt. Noch im Krankenhaus bekommt Emmy F. ihre Portion Blutdrucksenker – nach Aussage der Tochter alle auf einmal und nicht in einem Tablettendosierer.

Die alte Dame, die noch unter dem Eindruck der vorangegangenen Betäubung steht, nimmt alle Tabletten auf einmal. In der Folge sinken Blutdruck und Herzfrequenz auf gefährlich niedrige Werte. Im Klinikum entscheidet man, ihr am 18. Mai, dem Pfingstsamstag, einen temporären Herzschrittmacher zu legen, auch im Hinblick auf die Feiertage. Unklar blieb vor Gericht, ob die Aufklärung der Patientin wie vorgeschrieben stattgefunden hatte.



Nicht restlos vermeidbar

Bei dem Eingriff wird eine Schlagader verletzt. Der Gutachter sagt: Der Eingriff war nach Lage der Dinge angezeigt. Eine Fehlpunktion gehöre zu den Risiken dieses Eingriffs und sei nicht vollkommen vermeidbar. Ortwin Lowack, Rechtsanwalt der Tochter, ergänzt aus eigenen Recherchen: Eine Fehlpunktion passiert bei 1,3 Prozent dieses Eingriffs. Die Patientin erleidet infolge der Fehlpunktierung einen Bluterguss mit starken Nachblutungen. Wann genau trat dieser auf? Wurde die Blutung rechtzeitig erkannt? Und wurde rechtzeitig reagiert? Darüber gehen die Wahrnehmungen der Tochter und die Aussagen in der Dokumentation des Klinikums teils auseinander. Vier Tage nach dem ersten Eingriff wird die Frau notoperiert.



Um das Doppelte überdosiert

Im Raum steht, dass eine fehlerhafte Vergabe von Bluthemmungsgerinnern im Vorfeld eine Rolle bei der starken Blutung spielte. Die Frau bekommt Clexane, teils bis zum Doppelten überdosiert. Zusätzlich Heparin und ASS. „Ich kann nicht ansatzweise erkennen, warum man parallel drei Mittel gegeben hat, die in die Blutgerinnung eingreifen, angezeigt wäre nur eines“, sagt Betz. Er regt ein Zusatzgutachten an.

Aber Betz sagt auch: Dass die Frau drei Monate später an einem Hinterwandinfarkt, nach langer Intubation, einer Lungenentzündung und anderen Leiden stirbt, hat seine Begründung in der Vorerkrankung des Herzens, darunter eine starke Arterienverkalkung.

Richter Frank Borger fasst die Lage so zusammen: „Was vom Tisch ist, ist die kausale Verursachung des Todes. Möglich ist, dass die Patientin ohne die Vorgeschichte nicht gestorben wäre, aber es ist nicht beweisbar. Ein gewisser Anspruch auf Schmerzensgeld ist da.“ Er regt einen Vergleich mit 7500 Euro Schmerzensgeld an. Die Kläger sind nicht zufrieden, wollen sich noch nicht entscheiden.




Prozess geht weiter

Was bei der aktuellen Verhandlung nur am Rande vorkam: Die Umstände, unter denen die Überdosierung an Blutdrucksenkern bei der Patientin zu Beginn ihres Aufenthalts im Klinikum geschah. Die letztlich Auslöser für die folgenschweren Ereignisse der folgenden Tage, Wochen und Monate war. „Das höre ich heute zum ersten Mal“, sagt einer der drei Richter nach einem Blick in seine Akten. Ein weiterer Termin ist angesetzt.

 

Detail der Krankenakte von Emmy F. Am 21. Mai, 12.30 Uhr, werden bereits Hinweise auf eine starke Blutung festgehalten („… stark verdickt …. Hämatom ….“). Aber notoperiert wird erst einen Tag später. ⋌Foto: Andreas Gewinner

 

 







 

 

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