16. Oktober 2019 - 17:11

Tat nur halb geklärt: Freispruch vom Prügel-Vorwurf

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BAYREUTH. Ein Mann checkt pünktlich im Nürnberger Hafen auf seiner Arbeitsstelle aus. Zwei Stunden später soll er an einer Schlägerei in Bayreuth beteiligt gewesen sein – im Prozess über ein Jahr danach lässt sich das nicht beweisen: Er wird freigesprochen. Wie geriet er in Verdacht?




Der 34-Jährige ist, wie auch die übrigen Beteiligten dieses Falles, Deutscher mit russischer Abstammung. Er lebte lange in Bayreuth, zog dann nach Schwabach. Im Jahr 2011 will er zum letzten Mal in Bayreuth gewesen sein.

Nun kehrte er zurück, als Angeklagter. Neben ihm nahm auf der Anklagebank ein 30-jähriger Bekannter aus Bayreuth Platz. Laut Anklage sollen die zwei in der Nacht zum 9. Dezember 2017 in der Kollwitzstraße einen heute 21-Jährigen zusammengeschlagen haben. Und: der 30-jährige soll dabei versucht haben, die Freundin des Geprügelten dazu zu nötigen, ihn oral zu befriedigen – andernfalls werde er nicht mit dem Prügeln aufhören.

Im Prozess vor dem Schöffengericht legte der 30-Jährige ein Teilgeständnis ab: Ja, er habe sich mit dem Opfer geprügelt. Ja, es sei ein zweiter Mann dabei gewesen. Nein, den Namen des zweiten Mannes wolle er nicht nennen. Und: Er sei betrunken gewesen und könne sich nicht erinnern, eine sexuelle Nötigung wie in der Anklage geschildert begangen zu haben: „Frauen bringen uns Männer auf die Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich zu der Frau so etwas gesagt habe. Falls es so war, war das niemals ernst gemeint und ich entschuldige mich.“




Der 30-Jährige berichtete, er habe in einem Lokal in der Innenstadt getrunken, als ihn ein Anruf seiner Mutter erreichte: Die habe sich beschwert, dass jemand vor ihrer Wohnung lautstark randaliere. Der jüngere Angeklagte fuhr mit dem Taxi in die Altstadt, wo er vor der Wohnung seiner Mutter auf den 21-Jährigen und dessen Freundin traf.

Wer war der zweite Mann?

Das Tatopfer sagte aus, von dem jüngeren Angeklagten mit Fäusten und Fußtritten niedergemacht worden zu sein. An das Eingreifen des zweiten Mannes kann er sich nicht erinnern. Dafür seine daneben stehende Freundin. Zwei Männer hätten ihren Freund misshandelt.

Doch war der zweite Mann der ältere Angeklagte? Nun, über ein Jahr nach dem Vorfall sagen beide Zeugen aus: Man erkenne den Angeklagten wieder, er sei „ähnlich von der Figur und von den zusammengewachsenen Augenbrauen“.




Die Verteidiger Thomas Gattung und Christian Barthelmes arbeiteten durch Vorhalte heraus, dass die zwei Zeugen damals zunächst mit der Polizei nichts zu tun haben wollten, dass der geprügelte 21-Jährige betrunken war, sich nach einem ersten Wortgefecht aggressiv die Jacke auszog, ehe es zu der Prügelei kam. Und sie brachten die Zeugen dazu, zu erklären, wie sie auf den älteren Angeklagten gekommen seien: Über eine russische Social-Media-Seite, ähnlich Facebook. Mit einem Foto von dieser Seite suchte die Polizei in ihrem Verdächtigen-Archiv – und siehe da: Der ältere Angeklagte war gespeichert. Wegen Schwarzfahrens ist er mehrfach vorbestraft, sitzt deshalb zurzeit sogar im Gefängnis.

Sein Verteidiger Barthelmes legte Indizien für ein Alibi vor: Sein Mandant habe per Fingerabdruck-Scan um 23 Uhr am 8. Dezember 2017 bei seiner Firma ausgestempelt, sei dann mit dem Zug nach Schwabach gefahren. Danach fahre kein Zug nach Bayreuth, ein Auto oder einen Führerschein besitze sein Mandant nicht: „Dass er überhaupt angeklagt worden ist, kann ich nicht fassen.“




Staatsanwalt Julius Kolb dagegen hält beide Angeklagte für die Körperverletzung überführt. Die versuchte sexuelle Nötigung hielt Kolb nicht für erwiesen.

Das Schöffengericht sprach den älteren Angeklagten frei: sein Alibi sei zwar nicht absolut wasserdicht, jede Erklärung für seine Anwesenheit am Tatort sei jedoch lebensfremd. Der nicht vorbestrafte jüngere Angeklagte wurde zu einer neunmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Als Auflage soll er 1500 Euro ans Frauenhaus zahlen.







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