16. Oktober 2019 - 03:55

Mordfall Peggy: Abrechnung in Lichtenberg

Archivfoto: Privat

LICHTENBERG. Über 17 Jahre nach dem Tod der damals neunjährigen Peggy Knobloch gibt es noch immer keinen rechtskräftig verurteilten Täter. Am wahrscheinlichen Schauplatz des Dramas hat dies tiefe Spuren hinterlassen. Dies zeigte am Freitag eine Pressekonferenz, zu der Lichtenberger Bürger, der Unterstützerkreis Ulvi, dessen Betreuerin Gudrun Rödel und dessen rechtliche Vertreter eingeladen hatten.




Der Lichtenberger Stadtrat und Sprecher einer Bürgerinitiative, Norbert Rank, nutzte die Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit den Medien. Seit 17 Jahren bewegten sich diese größtenteils „auf dem Niveau der Bild-Zeitung“ und hätten vorwiegend das Ziel, die Stadt Lichtenberg und ihre Bürger zu verunglimpfen.

Dabei beteten die meisten der Journalisten immer nur das nach, was ihnen Kripo und Staatsanwaltschaft vorgäben. Ihnen unterstellte Rank, bewusst nicht in alle Richtungen zu ermitteln. Er habe lernen müssen, so Rank, dass auch Polizisten zur Desinformation fähig sein.

Die Ermittlungsmethoden erinnerten ihn an „schwärzeste Stunden deutscher Geschichte“. Es sei ein Verdienst der Lichtenberger Bürger, dass dieser Fall nicht schon längst mit der Verurteilung von Ulvi K. abgeschlossen sei.




Interessengruppen

Rank zeigte sich überzeugt von der Existenz von „Interessengruppen, die alles dafür tun, dass die Wahrheit für immer verborgen bleibt“. Auf Nachfrage sagte Rank, dass „der oder die Mörder den Auftrag hatten, Peggy umzubringen, weil sie sie in der Hand hatte“. Die Auftraggeber seien im Umkreis der Familie Knobloch zu suchen.

Ulvi K.s Betreuerin Gudrun Rödel wies darauf hin, dass auch die Mutter der toten Peggy zum Kreis der Verdächtigen gezählt werden müsse. Dies umso mehr, als Peggy am 7. Mai 2001 eben nicht auf dem Heimweg von der Schule verschwunden sei, wie dies die Polizei immer wieder behaupte.




„Verbrechen am Rechtsstaat“

Norbert Rank bezeichnete diese Darstellung im Zusammenhang mit einem Beitrag in der Sendereihe „Aktenzeichen XY ungelöst“ als „Verbrechen am Rechtsstaat“. Mindestens sieben Zeugen hätten Peggy noch am Abend dieses Tages in Lichtenberg gesehen. Nur würden diese Aussagen von den Ermittlern systematisch unterdrückt.

Auch weitere Aussagen seien aus den Akten verschwunden: So der Bericht über einen unbekannten Mann, der sich am Tattag mit dem Taxi zur Wohnung Knobloch habe bringen lassen. Oder aber einen älteren Mann, der das kleine Mädchen einmal dort abgeliefert habe. „Wir wissen, wer dieser Mann ist“, versicherte Rödel.

Norbert Rank berichtete, dass ihm schon unmittelbar nach dem Verschwinden der Schülerin als Jugendtrainer einer Fußballmannschaft zugetragen worden sei, dass der seit kurzem beschuldigte Manuel S. „etwas begraben habe“. Drei Jugendliche oder Männer hätten dabei zugesehen.

Einen dieser vermeintlichen Zeugen habe er am 9. Mai 2001 mit seinem Auto mitgenommen. Er habe einen sehr verstörten Eindruck gemacht. All dies habe er schon damals dokumentiert und der Kripo gemeldet. Interessiert habe es niemanden.




Anwältin von Ulvi K. fordert 350.000 Euro Schadenersatz

Eigentlicher Anlass der Pressekonferenz war die Schadenersatzklage gegen den prominenten Psychiater Hans-Ludwig Kröber, die Hanna Henning, als Rechtsanwältin von Ulvi K., in dieser Woche beim Landgericht Berlin eingereicht hat. Gefordert werden 350.000 Euro. Begründet wird dies damit, dass Kröber „ein mit Vorsatz erstelltes falsches Gutachten“ abgeliefert habe. Dieses sei dann zur wesentlichen Grundlage des Schuldspruchs im April 2004 geworden.

Kröber hatte vor dem Prozess vor dem Landgericht Hof im Jahr 2004 den Auftrag, die Aussagetüchtigkeit des geistig behinderten Ulvi K. zu überprüfen. Dann habe er sich auch noch den Auftrag zu Begutachtung der Glaubwürdigkeit des schon widerrufenen Geständnisses besorgt. Hanna Henning zeichnete zusammen mit ihren Ehemann Thomas Henning, der sich als Leiter des Rechtsbüros vorstellte, ein Bild Kröbers als willfähriges Werkzeug der Kriminalpolizei.

So habe sich Kröber nur eines der beiden Videos angesehen, auf denen die „Soko Peggy“ zusammen mit Ulvi K. das Geschehen am Tattag nachstellte. Hätte er es pflichtgemäß getan, wäre ihm aufgefallen, wie die Ermittler ihre Hypothese des Tathergangs immer passend machten. So sei ein Stein, über den die vor Ulvi K. angeblich flüchtende Peggy gestolpert sein soll, zwischen den beiden Tatrekonstruktionen vom Wegesrand einfach auf den Weg unter der Burgmauer gerückt worden – von der Polizei, wie die Anwälte annehmen.

Aber auch wenn er nur ein Video gesehen habe, hätte Kröber als Sachverständigem auffallen müssen, wie Ulvi K. ständig den Regieanweisungen der Polizei folge. Dies gelte auch für die Vernehmungen, deren Protokolle Kröber eingesehen habe.

Thomas Henning sprach aber auch von schweren handwerklichen Fehlern des Psychiaters. So habe er von den vier Unterredungen mit Ulvi in der Bezirksklinik Bayreuth die ersten drei nicht nachverfolgbar aufgezeichnet, wie der Bundesgerichtshof dies vorschreibe.

Die Rechtsanwälte kündigten an, dass sie schon in den nächsten Wochen einen Antrag zur Wiederaufnahme jenes Verfahrens stellen wollen, das gegen Ulvi K. wegen sexuellen Missbrauchs geführt wurde. Außerdem wurde bei der Pressekonferenz die Forderung nach einem Untersuchungsausschuss des bayerischen Landtags erneuert. Er soll die Rolle der Polizei in diesem Verfahren beleuchten.







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