16. Oktober 2019 - 16:25

Krebskrank unter Anklage: Die Angst der Evi B.

Bald als Angeklagte vor dem Landgericht: Evi B. Foto: Manfred Scherer

BAYREUTH/WAISCHENFELD. Krebs. In der Lunge. Auf der Haut an der abgenommenen Brust. Im Unterleib. Seit fast 27 Jahren kämpft Evi B. gegen den Tod. Bald könnte es soweit sein, schneller als gedacht. Denn in der kommenden Woche entscheidet sich, ob die 59-Jährige ins Gefängnis muss. „Das überlebe ich nicht. Ich habe Angst“, sagt sie. Evi B. ist wegen bewaffneten Drogenhandels angeklagt. Mindeststrafe fünf Jahre. Ihre Lebensgeschichte ist ein Drama des Scheiterns. Männer spielen in dieser Geschichte überwiegend Schurkenrollen. Einer ist vielleicht ihr eigener Sohn.




Evi B. lebt in Waischenfeld in einem Haus, in dem Theologie groß geschrieben wurde. Es ist ein romantisches Haus, zumindest von außen. Sie hatte sich auf den ersten Blick verliebt und zog am 26. Oktober 2015 von Nürnberg hierher. Es war der erste Tag des Abstiegs in eine elende Lage.

In ihrem Umzugsauto hatte Evi B. Marihuanapflanzen. Sie wollte daraus Cannabisöl gewinnen. Das Öl erschien ihr als letzter Rettungsanker. Vielleicht, so glaubt sie, könne das Öl nicht nur ihre Schmerzen lindern. Sondern sie sogar heilen? Doch zur Ölproduktion kam es nicht. Denn in dem Haus war der Strom abgestellt, und weil Evi B. und ein Freund und Umzugshelfer spät abends mit Taschenlampen in dem seit Jahren nicht bewohnten Haus umhergeisterten, rief ein Nachbar, Einbrecher vermutend, die Polizei.



Im Tanzcafé mit den Club-Spielern

Die Streife der Inspektion Pegnitz sah sich vor Ort um und roch den Duft von Cannabispflanzen. Dafür bekam sie am 25. Mai 2016 vom Schöffengericht unter Vorsitz von Torsten Meyer eine sechsmonatige Bewährungsstrafe. Evi B. hatte glaubwürdig vorgebracht, warum sie das Öl hatte gewinnen wollen: Fünf Krebs-OPs, Schmerzen, Unverträglichkeit gegen herkömmliche Medikamente. Eine miserable, desolate Lage bescheinigte der mitfühlende Richter ihr. Einer der wenigen Männer in Evi B.’s Leben, der kein Schurke war.

Der erste Mann, gegen den sie sich wehren musste, war ihr Stiefvater. Evi B. wurde in Ansbach geboren, mit fünf kam sie mit ihrer Mutter nach Nürnberg. Mit 15 ging sie von zuhause weg. Sie lernte Großhandelskauffrau, kam von ihrem Ausbildungsbetrieb in einer Eisenwarenhandlung zu einem Architekten ins Büro.

Doch der nutzte die junge, energiegeladene Angestellte aus. Sie wechselte als Sekretärin zu einem Immobilienmakler im gleichen Haus. Sie arbeitete nebenher als Bedienung in einem Tanzcafé. In der Nachbarschaft wohnte ein Mann namens Max Morlock. Der größte Spieler des 1. FC Nürnberg kam oft mit anderen „Club“-Größen dieser Zeit ins Café. Und es kamen auch viele Angehörige der US-amerikanischen Streitkräfte.

Evi B. war beliebt, doch sie mochte keinen Alkohol, auch heute noch nicht. „Mein Chef mixte mir einen Spezialschnaps aus Cola, Tee und ein paar Tropfen Olivenöl. Drei Jahre hatte Evi B. bedient, als Gregory Charles B. aus der O’Brien-Kaserne in Schwabach ins Lokal kam. Sie verliebte sich in den blonden Panzerfahrer. Vier Monate später, am 18. März 1980, heiratete sie ihn. Am 11. September 1980 kam ihr Sohn James auf die Welt. „Wir haben ausgemacht, dass wir Kinder wie Sand am Meer kriegen“. Evi B. war glücklich. Nicht lange.

Der blonde Panzerfahrer ging fremd, mit ihrer besten Freundin. Sie fand das heraus an ihrem Geburtstag am 7. November, als sie mit Unterleibsblutungen ins Krankenhaus kam und er ausblieb. Trennung, Scheidung.

Evi B’s Mutter starb 1981. Der Ex-Mann ging heim nach Amerika, Evi B. kämpfte sich mit „arbeiten, arbeiten, arbeiten“ durch ihre „erste große Lebenskrise“. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen, als alleinerziehende Mutter. Sie war Sekretärin beim Grundbauinstitut der Landesgewerbeanstalt Bayern, wurde nach fünf Jahren vereidigt. Doch statt Verbeamtung bekam sie eine Kündigung. 1989 gebar sie ihre Tochter.

Anfang des Jahres 1992 schaffte sie „brutale“ Einstellungstests bei der Bundesbahn. Nur drei von 1800 Bewerbern kamen durch. Am 19. Februar 1992 hatte sie ihre erste große Unterleibsoperation. Krebs. „Ich trat die Stelle an, obwohl ich ziemlich geschwächt war.“

1997 verlor sie die Arbeitsstelle. Die Bahnprivatisierung wurde Zug um Zug durchgesetzt. Bis zum Jahr 2015 arbeitete sie als selbstständige Handelsvertreterin für verschiedene Weinhäuser, zum Teil 16 Stunden pro Tag. Evi B. war erfolgreich, musste erfolgreich sein: Eine alleinerziehende und arbeitende Mutter braucht Geld. 1900 Mark pro Kind zahlte sie in den 1990er Jahren an Pflegeeltern.



„Mama, ich liebe Diech total“

Von ihren Kindern bekam sie oft Post, selbstgemalte Postkarten und Liebesgrüße. Ihr Sohn James schrieb ihr als Siebenjähriger zum Muttertag: „Mama, ich liebe Diech total und wenn ich mal groß bin helf’ ich Dir.“ Genau das Gegenteil sollte eintreten.

Denn seit dem 21. März 2008 ist James B. ein Wrack, sagt seine Mutter. Evi B. hatte damals einen Lebensgefährten, von dem sie sich aber trennte. Für ihren Sohn war der Mann jedoch eine Vaterfigur. Der damals 24-Jährige habe kurz nach der Trennung ihrem Ex-Partner beim Ausbau eines Gebäudes geholfen, und nachts soll der Mann auf ihren schlafenden Sohn mit einem abgesägten Schrotgewehr geschossen haben. James B. überlebte, seine Mutter sagt: „Er hat noch immer 150 Schrotkugeln in der Lunge. Er hatte 32 Operationen. Er hat das Krankenhaus als Morphiumsüchtiger verlassen.“ Er sei straffällig geworden, wegen Drogen.

Im Jahr 2015 kam der Krebs zu Evi B. zurück. Sie lebte mit ihren Hunden in der Gärtnerstraße in Nürnberg. Der Vermieter ekelte sie raus. Dann sah sie im Internet das Haus in Waischenfeld. Sie zog hierher und „schon am nächsten Tag stand ich in der Zeitung“.

Das ehemalige Theologenhaus nennt sie ihr „Hexenhäusla“, sie versuchte es mit einem kleinen Weinhandel und stand wieder in der Zeitung als „Hex’ von Waischenfeld“. Im gleichen Jahr wurde ihr eine Brust wegoperiert. Dann zog ihr Sohn ein in die Wohnung drüber. Dort oben baute er eine große Marihuanaplantage auf. Am 20. April 2018 kam die Polizei. Neben dem Rauschgift fanden die Ermittler auch Waffen bei James B.

Evi B. lebt von Hartz IV. Kalt ist es in dem Haus. Was wärmt, sind zwei Holzöfen und ihre Katze. Sie rettet sich in „Gedankenarbeit“: „Meine Seele aufräumen, mein Leben.“ Die Ungewissheit darüber, was bei Gericht passieren wird, steigt.

Die Anklage sieht Evi B. als Partnerin ihres Sohnes und rechnet ihr sein Verhalten mit zu, bestätigt ihr Verteidiger Wolfgang Tiedtke. Im Prozess beim Landgericht ab kommenden Montag werde es darum gehen, ob es wirklich so war. Ob sie in dem Haus den Geruch der Marihuanapflanzen roch. Ob sie von den Waffen ihres Sohnes wusste. Ob sie von seinen möglichen Drogengeschäften wusste.

Evi B. sagt: „Ich bin keine Dealerin. Ich will die Wahrheit sagen, aber ich habe Angst. Es ist ein schlimmes Gefühl, vielleicht gegen den eigenen Sohn auszusagen.“







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