„Fettabsaugung“: Minister Spahn will Lipödem-Behandlung zur Kassenleistung machen

Foto(Montage): Olaf Kosinsky / Wikipedia, Myra Snöflinga

GESUNDHEIT. Die gesetzlichen Krankenkassen sollen nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) künftig das Absaugen von Körperfett bezahlen. Dabei geht es allerdings nicht um die üblichen Fettpölsterchen, sondern eine schwere Krankheit. Bis zu drei Millionen Frauen mit krankhaften Fettverteilungsstörungen leiden laut Spahn täglich darunter, dass die Krankenkassen ihre Therapie nach einem Gerichtsurteil nicht bezahlen. „Ihnen wollen wir schnell und unbürokratisch helfen“, sagte Spahn der FAZ. 




Entgegen vieler Schnellmeldungen im Internet geht es bei dem Vorstoß von Jens Spahn nicht um kosmetische Fettabsaugung. Schätzungen zufolge leidet jede zehnte Frau in Deutschland unter einem Lipödem. Nicht selten sind die Betroffenen ihr ganzes Leben lang schlank gewesen, bis plötzlich kranke Fettzellen zu wuchern beginnen und sich selbstständig vermehren. Vor allem an Oberschenkeln und Oberarmen, Hüfte und Po. Zudem lagert sich Wasser in den erkrankten Bereichen ein, was zu Druckempfindlichkeit und Schmerzen führt.

Die Kassen weigern sich, diese „Liposuktion zur Behandlung des Lipödems“ zu bezahlen, weil „der Nutzen noch nicht hinreichend belegt“ sei, sagt Spahn. Die Krankenkasse zahlt nur die konservative Behandlung, bestehend aus Lymphdrainagen gegen die Wassereinlagerungen und Kompressionsstrümpfen. Eine richtige Fettabsaugung würde 17.000 Euro kosten und sich auf rund drei Operationen aufteilen. Auf einmal würde der Körper das nämlich nicht verkraften. Es gibt Hochrechnungen, die belegen, dass die Kosten für eine lebenslange konservative Therapie (inklusive weiterer Folgeerkrankungen) bei rund 150.000 Euro liegen, die drei erwähnten Operationen jedoch nur bei ca. 17.000 Euro.

Bildquelle: http://lipofee.de/wp-content/uploads/2016/11/lipoedem-fettgewebe_cellumed-ch.jpg

 



Kassen entscheiden selbst

Mit einem Ergänzungsantrag will Spahn sein Ministerium grundsätzlich ermächtigen, allein und ohne Zustimmung des Bundesrates darüber zu entscheiden, welche Untersuchungs- und Behandlungsmethoden die Kassen bezahlen müssen. Bisher entscheidet die Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenhäuser und Kassen darüber.

In dem der „FAZ“ vorliegenden Antrag heißt es, das Gesundheitsministerium könne Methoden in die Versorgung aufnehmen, für die die Selbstverwaltung keine Regelung getroffen habe, oder für die sie „die Anerkennung eines diagnostischen oder therapeutischen Nutzens bisher abgelehnt hat“. Auch wenn es für neue Methoden kaum wissenschaftliche Belege gebe, komme eine Erstattung in Betracht, wenn es keine zumutbare Alternativbehandlung gebe.

Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen, der festlegt, welche Leistungen die Kassen übernehmen, stuft die Fettabsaugung bei Lipödem als Schönheitsoperation ein. Er sieht es nicht als erwiesen an, dass sie einen Nutzen bringt. Immerhin hat das Gremium im Januar eine Studie in Auftrag gegeben, die darüber Klarheit schaffen soll. Nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts sind die Entscheidungen des Ausschusses für die gesetzliche Krankenkasse bindend.



Kliniken begrüßen das Vorhaben

Die Lympho Opt Klinik in Pommelsbrunn zeigte sich erfreut von dem Vorstoß des Ministers. Sie ist die derzeit einzige Rehaklinik für Lymphologie in Bayern. „Da wir derzeit für die Liposuktionen nur Privatpatienten behandeln dürfen, begrüßen wir den Vorstoß von Herrn Spahn, dies auf kassenärztliche Leistungen zu erweitern“, sagt Lympho Opt Geschäftsführer Herbert Weigl im Gespräch mit Reporter24. Es sollte demnach jedoch überdacht werden, dass eine richtige Nachsorge mit Ihren Kosten unabdingbar für den dauerhaften Erfolg der Behandlung sei.

Ähnlich sieht das die bekannte Lipo Clinic von Dr. Heck in Mühlheim an der Ruhr. Zwar kämpfe er seit zehn Jahren dafür, dass Lipödem als Krankheit anerkannt wird, dennoch scheint es dem Arzt, der sonst nur Privatpatienten behandelt, etwas zu schnell zu gehen. Auf Nachfrage von Reporter24 sagte der Mediziner, er befürchte einen „Schnellschuss“. Dabei müsse Qualität vor Tempo gehen. In zwei Jahren habe seine Klinik 165 Patientinnen behandeln müssen, die anderswo zuvor „Komplikationen“ erleiden mussten. Von Pfusch anderer Kollegen spricht Dr. Heck zwar nicht, macht aber deutlich, wohin ein Schnellschuss führen kann, wenn plötzlich überall eine Liposuktion angeboten werde. Er fordert ein einheitliches Gütesiegel, ähnlich wie er es bereits für seine eigene Akademie angewendet wird.




„Spielen Sie nicht mit unserer Hoffnung“

Stephanie Schröter (29) , eine szenebekannte Bloggerin aus dem Internet, besser bekannt als Myra Snöflinga, hat einen offenen Brief an den Minister geschrieben.  Die 29-Jährige ist Lipödem-Patientin und seit fast vier Jahren erfolgreich operiert. 12.000 Euro hat sie ausgegeben, zuvor kämpfte sie drei Jahre lang vor Gericht. Der zuständige Richter entschied sich, entgegen der Meinung des neutralen Gerichtsgutachters dafür, dass die Operationen nicht notwendig seien.

In ihrem Brief berichtet die junge Frau über ihre Qualen und Schmerzen, aber auch über Hoffnung und Enttäuschung. 3,8 Mio Frauen in Deutschland seien dem Minister „aus tiefstem Herzen dankbar“. Doch Stephanie bittet auch um Taten. Sie spricht von Erwartungen, dass es „nicht nur bei medial inszinierten Berichterstattungen und Versprechen“ über mögliche Szenarien bleibt. Die Krankheit sei ernst und betreffe ganze Familien.

Wer behauptet, dass das Lipödem ein Resultat mangelnder Disziplin ist, verkennt den Ernst dieser Erkrankung. (Myra Snöflinga)




Diese Frau brachte den Lipödem-Vorstoß ins Spiel


Hintergrundwissen 

Das Lipödem, nicht zu verwechseln mit dem sogenannten „Lymphödem“,  ist eine sehr schmerzhafte Fettverteilungsstörung, bei welchem sich die Zellen des Unterhautfettgewebes krankhaft vergrößern und zwar symmetrisch auf beiden Körperseiten. Es handelt sich hierbei also um ein fortschreitendes Fettödem. Die Aufteilung erfolgt in drei Stadien, welche den Schweregrad definieren. Hierbei sei direkt gesagt: Ein Lipödem im Stadium 1 schmerzt genauso sehr wie im Stadium 3. Je früher jedoch gehandelt wird, desto besser um das Fortschreiten aufzuhalten und Folgeerkrankungen zu verhindern!

In der häufigsten Form sind Beine und Arme betroffen, daher ergibt sich oftmals eine starke Disproportion von Rumpf und Beinen.  Als Betroffene fühlt man sich „wie im falschen Körper“, nichts passt zusammen und obendrein bereitet die Krankheit auch noch körperliche Schmerzen, die von außenstehenden oftmals abgetan werden, da sie die Erkrankung als eine Adipositas missverstehen.




Die Ursachen der Erkrankung Lipödem  sind aktuell noch unklar, es gibt mehrere theoretische Ansätze dazu:

  • Genetik, denn meistens sind in einer Familie gleich mehrere Frauen verschiedenere Generationen betroffen
  • Hormone, denn das Lipödem tritt oftmals in Zeiten hormonellen Umschwungs auf (Pubertät, Ende der Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre)
  • Eine gestörte Funktion der Mitochondrien (die Kraftwerke der Zelle) wird ebenso in Betracht gezogen wie daraus resultierende „Entzündungen“ oder „Entzündliche Vorgänge“ die eine große Rolle zu spielen scheinen.

 







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