21. September 2019 - 05:57

„Eine große Schweinerei“: Abgeordnete aus Bayreuth und Kulmbach zum Hackerangriff

Die Veröffentlichung privater Daten von Bundestagsabgeordneten und prominenten lief bereits seit dem 1. Dezember 2018 – sarkastisch verpackt als Adventskalender. Als die Sache am 4. Januar über Medienberichte einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, sperrte Twitter den Account. Da hatte das Hackerkonto bereits 17.800 Follower.
 Screenshot: 
Moritz Kircher

BAYREUTH/KULMBACH. Die oberfränkischen Abgeordneten sind erzürnt über den Vorgang, der vorwiegend darauf abzielt, Privates zu verbreiten. Bis etwa 14.30 Uhr am Freitag war ein Twitter-Account erreichbar, über den dienstliche und zutiefst private Daten von Bundestagsabgeordneten verbreitet wurden, die Hacker zuvor erbeutet hatten. Dann reagierte der Kurznachrichtendienst und sperrte das Konto, das zu diesem Zeitpunkt 17.800 Menschen verfolgten. Die Sperre hilft kaum. Die Daten sind in der Welt und weiterhin verfügbar, solange jemand weiß, wo sie abgelegt sind.




Emmi Zeulner (CSU)

„Das Schlimme ist, dass solche Aktionen nur dazu dienen, Menschen zu diskreditieren“, sagt die Kulmbacher Abgeordnete. Immer wieder gibt es sogenannte Leaks, durch die vertrauliche Daten im Internet öffentlich werden. Sie zielen aber oft darauf ab, mutmaßliche Skandale offenzulegen. In diesem Fall? Fehlanzeige. Es sind persönliche und intime Daten von Politikern und Prominenten, die in Umlauf gebracht wurden. „Da ist für mich eine Grenze massiv überschritten. Das hat keine Moral mehr“, urteilt Zeulner. Da werden nicht nur Adressen und Telefonnummern von Abgeordneten in Umlauf gebracht, sondern auch Chatverläufe mit Familienmitgliedern und Fotos von Kindern. „Da muss die Gesellschaft zusammenhalten“, fordert die CSU-Bundestagsabgeordnete. „Kinder haben besonderen Schutz verdient.“ Ebenso wie den Angriff auf die Daten von Politikern verurteilt Zeulner die Veröffentlichung von Daten über Journalisten. „Das wiegt für mich genauso schwer.“ Wer die Vertraulichkeit solcher Kommunikation angreife, greife „unsere Grundwerte“ an, sagt sie. Sie selbst sei von dem Hack nicht betroffen. „Aber das kann jedem passieren. Damit soll Unsicherheit geschürt werden.“




Anette Kramme (SPD)

Die Bayreuther Abgeordnete geht davon aus, dass diesmal nicht die IT-Infrastruktur des Bundestages Ziel des Hackerangriffs gewesen sei. Es seien eher Abgeordnetenbüros und einzelne gewesen, an deren Daten sich die Hacker rangemacht hätten. Sie selbst sei kaum betroffen, was Kramme darauf zurückführt, dass sie sichere Passwörter verwende. „Das Thema Datensicherheit wird in Deutschland allgemein unterschätzt“, sagt sie. „Das war auch lange Zeit beim Bund so.“ Den aktuellen Hack und die Veröffentlichung der Daten nennt sie „eine große Schweinerei“. Aber es helfe nicht, sich über die Angreifer zu beklagen. „Wir müssen alle viel sensibler im Umgang mit unseren Daten werden.“ Dass alle im Bundestag vertretenen Parteien betroffen seien – bis auf die AfD – lasse „vage Schlussfolgerungen“ zu. Die gestohlenen Daten stammten zum Teil auch aus der aktuellen Wahlperiode, in der die AfD dem Bundestag angehört.




Silke Launert (CSU)

Die Bayreuther CSU-Abgeordnete will nicht mutmaßen, warum ausgerechnet die AfD nicht vom Hack betroffen ist. Die Bundestagsverwaltung habe am frühen Freitagnachmittag lediglich bestätigt, dass die Daten nicht von Rechnern des Bundestages gestohlen wurden. Launert sei nicht persönlich von dem Angriff betroffen. „Die Leute, die das gemacht haben, verfolgen sicher irgendein Interesse“, sagt sie. Es gelte nun, herauszufinden, wer und was hinter dem Hack und der Veröffentlichung steckt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und das Cyberabwehrzentrum hätten sich der Sache bereits angenommen. Der Vorfall zeige einmal mehr, wie wichtig Netzpolitik sei. „Es ist ein unbeliebtes Thema“, sagt Launert. „Aber da sind wir verwundbar, und da muss unser Augenmerk drauf.“ Sie wünscht sich, dass Bundestagsabgeordnete besser in Sachen Datensicherheit besser geschult werden.




Tobias Peterka (AfD)

Satire, Künstler und Ironie – das waren Schlagworte, unter denen ein mittlerweile gesperrter, anonymer Twitter-Account die Daten im Internet preisgegeben hatte. „Es ist untragbar, so was unter dem Deckmantel von Satire verkaufen zu wollen“, sagt der Bayreuther AfD-Abgeordnete über die Veröffentlichung der privaten Daten von Kollegen. „Das ist Cybercrime und sonst nichts.“ Peterka vermutet, dass die gehackten Daten überwiegend aus der vergangenen Wahlperiode stammen und seine Partei deshalb nicht betroffen sei. „Aber da habe ich keine weiteren Informationen“, sagt er. Der Fraktionsvorstand sei den ganzen Freitag damit befasst gewesen, Informationen über den Vorfall zusammenzutragen und sie den AfD-Abgeordneten zur Verfügung zu stellen. Peterka will weiter verfolgen, was über den Vorfall bekannt wird und sich über die Hintergründe des Hacks informieren.




Hartmut Koschyk (CSU)

Er saß bis zur vergangenen Bundestagswahl für die CSU im Wahlkreis Bayreuth im Bundestag und ist selbst von dem Hack betroffen. Es sind nur wenige Informationen, die über Koschyk in Umlauf gekommen sind. Der ehemalige Abgeordnete reagiert dennoch deutlich: „Das ist nicht hinnehmbar.“ Er fordert die Bundesregierung auf, die Angelegenheit mit Nachdruck aufzuklären. Und sollte sich herausstellen, dass dahinter ein organisierter Angriff einer fremdem Macht stecke, müsse das Konsequenzen haben. „Es ist die Pflicht der Bundesregierung, sich in aller Deutlichkeit damit auseinanderzusetzen.“ Der Vorfall zeige auch, wie wichtig der Schutz von Daten sei.




Der Bayreuther Informatik-Professor Torsten Eymann über Hacks und Datensicherheit

Das war kein Streich eines Einzeltäters – davon geht Torsten Eymann aus. Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bayreuth ist überzeugt, dass es sich hier um einen organisierten Angriff auf die Daten von Bundestagsabgeordneten und Prominenten gehandelt habe.

Eymann vergleicht Hacker mit Wohnungseinbrechern. Je besser das Objekt ihrer Begierde geschützt ist, desto eher lassen sie davon ab und suchen sich ein anderes Ziel. Der Professor sagt: „Hacker scheuen wie jeder Einbrecher den Aufwand.“ Dabei hänge es natürlich von der erwarteten Beute ab, wie viel Aufwand ein Hacker betreibt, um Sicherheitsmechanismen zu überwinden. Die Daten die direkt beim Deutschen Bundestag liegen, seien „schon ziemlich gut geschützt“, sagt Eymann. Es müssten schon Hacker sein, „die industriell organisiert sind“, wenn sie von dort Daten entwenden wollten. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik betreibe viel Aufwand, um den Bundestag zu schützen.

Woher die Daten stammen, die nun bei dem Angriff auf die Bundestagsabgeordneten und Prominente wie die Satiriker Jan Böhmermann und Oliver Welke oder auch Jürgen Resch, den Chef der Deutschen Umwelthilfe, das müsse noch untersucht werden. Es mehren sich allerdings die Anzeichen, dass diesmal nicht der Bundestag direkt das Angriffsziel der Hacker war, sondern private Quellen.

Eymann rät ganz allgemein, dass jedermann seine Daten besser schützen solle. Firewalls, Virenscanner, Verschlüsselungstechnik für Festplatten – das alles sei vorhanden. Es müsse nur konsequent eingesetzt werden. „Das sind technische Sache, die jeder Laie tun kann, um die eigenen Daten besser zu schützen.







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