23. August 2019 - 07:36

Bayreuths erste Stadträtin Christiane Gick: Allein unter Männer

30 Mitglieder umfasst der erste direkt von der Bevölkerung gewählte Stadtrat Bayreuths, die sich auf diesem Bild für den Fotografen versammelt haben. Auffallend dabei: Die erste Stadträtin der Stadt Bayreuth, Christiane Gick, ist nicht auf dem Bild. Das Foto muss demzufolge nach dem Dezember 1920 entstanden sein. Foto: red

BAYREUTH. Sie war die erste und für lange Zeit die letzte Stadträtin: Im Juni 1919 kandidierte die verwitwete Fabrikarbeiterin Christiane Gick für den Bayreuther Stadtrat und hatte Erfolg. Zusammen mit fünf weiteren Kandidaten der Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) zog die 30-Jährige in das erste demokratisch gewählte Gremium ein. Die zweite Frau auf der Liste der USPD, Jette Frister, erhielt nicht genug Stimmen, so dass Gick die einzige Frau im Stadtrat blieb. Ihr kommunalpolitisches Wirken sollte nicht lange dauern. Bereits im November 1920 erklärte sie, ihr Mandat niederzulegen.




Die Wahlen zum Stadtrat im Juni 1919 waren nicht die ersten im Jahr eins nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Bereits im Januar fanden Wahlen zum bayerischen Landtag und zur Nationalversammlung statt, aus denen die Sozialdemokraten als klare Gewinner hervorgingen.

Neu bei allen Wahlen war, dass das Wahlalter von 26 auf 21 Jahre herabgesetzt worden war und dass erstmals Frauen wählen, aber auch kandidieren durften. Bei der Wahl des neuen Stadtrates – der das über hundert Jahre gültige Zweikammersystem mit einem Magistrat einerseits und einem Kollegium der Gemeindebevollmächtigten andererseits ablöste – konnte die SPD ihr überragendes Wahlergebnis vom Januar jedoch nicht mehr wiederholen.

Wie Karl Müssel in seinem Buch „Bayreuth in acht Jahrhunderten“ schreibt, hatte sich das „bürgerlich-konservative Lager gefestigt, während sich viele anfänglich zur Sozialdemokratie neigende Wähler nach den vorausgegangenen Ereignissen im Februar in ihren Erwartungen getäuscht sahen“.

Autor Müssel dürfte mit dieser Bemerkung den sogenannten „Speckputsch“ gemeint haben. In dem Buch „100 Jahre SPD Bayreuth“ (1885 bis 1985) ist das Ereignis ausführlich geschildert. So soll am 17. Februar 1919 eine Demonstration vor dem Bayreuther Rathaus stattgefunden haben, während eine dreiköpfige Delegation Bürgermeister Leopold von Casselmann mit wirtschaftlichen Forderungen konfrontierte.

Angeblich, schreibt Müssel, wollten die Unterhändler Klarheit darüber, ob tatsächlich Lebensmittel in andere Städte verschoben worden seien. Außerdem sollte die Kürzung der Erwerbslosenunterstützung zurückgenommen werden. Die aufgebrachte Menge vor dem Rathaus ließ sich nicht länger aufhalten, stürmte das Rathaus und ging auf Casselmann los. Ausgerechnet der Führer der Bayreuther USPD, Jakob Schneider, habe den Oberbürgermeister aus den Fängen der aufgebrachten Menge gerettet.




Brot und Speck

In der Nacht hätten Demonstranten, schreibt Müssel weiter, dann das Proviantamt gestürmt und größere Mengen Speck und Brot erbeutet. Auch aus dem Reservelazarett, das im Lehrerseminar eingerichtet war, seien Lebensmittel geraubt worden. Die Nacht sei als „Speck-Putsch“ in die Geschichte der Stadt Bayreuth eingegangen.

Die Wahl der 30 Stadträte brachte den Sozialdemokraten nicht den erhofften Erfolg. Die SPD schickte zwei Kandidatinnen (Lina Sendel, Schriftsetzersehefrau, und Mathilde Lauterbach, ebenfalls Schriftsetzersehefrau mit Wohnadresse Hammerstraße 32) und 28 Kandidaten ins Rennen, darunter den Gewerkschaftssekretär Adam Seeser, der in der selben Straße wie Christiane Gick wohnte, vielleicht sogar im selben Anwesen: Auf der Wahlvorschlagsliste der SPD, die im Bayreuther Stadtarchiv aufbewahrt wird, ist die Adresse von Seeser mit Hammerstraße 34 angegeben.

Auf der ebenfalls aufbewahrten Liste der Unabhängigen Sozialdemokraten, die 18 Kandidaten und zwei Kandidatinnen aufweist, steht hinter dem Namen von Gick die Adresse Hammerstraße 34 1/2. Die Unabhängigen Sozialdemokraten konnten 19,6 Prozent der Wählerstimmen erringen, was ihnen sechs Sitze einbrachte. Die SPD kam auf 26, 7 Prozent und damit acht Sitze.




Für die – gemeinsame – Mehrheit im Stadtrat reichte das nicht. Die Mittelstandsliste Fröhlich erreichte 20,8 Prozent und damit ebenfalls sechs Sitze. Zehn Sitze bei 32,6 Prozent entfielen auf die Bürgereinheitsliste. Die USPD und die SPD waren die einzigen Gruppierung, die Kandidatinnen aufgestellt hatten.

Auch bei der Bürgermeisterwahl am 13. Juli 1919 konnte die SPD nicht gewinnen. Mit 60,3 Prozent ging Albert Preu, langjähriger Mitarbeiter von Oberbürgermeister Casselmann, als Sieger aus der Wahl hervor. Preu war damit der erste, direkt von der Bevölkerung gewählte Oberbürgermeister. Er blieb bis 1933 im Amt. Sein Gegenkandidat der SPD, Karl Hugel, kam lediglich auf 24,1 Prozent, Friedrich Puchta von der USPD musste sich mit knapp 16 Prozent zufriedengeben. Trost für Hugel: Der Stadtrat wählte ihn zum zweiten Bürgermeister.




Überzeugter Monarchist

Die Wahl des Oberbürgermeisters war nötig geworden, da Casselmann auf eigenen Wunsch zum 1. Juli 1919 in den Ruhestand versetzt wurde. Rainer Trübsbach schreibt in seinem Buch „Geschichte der Stadt Bayreuth 1194 bis 1994“: „Die Rücktrittsforderungen im Februar 1919 hatten ihn schwer getroffen, und als überzeugter Monarchist konnte und wollte er die neue Entwicklung nicht mittragen.“

Ob und wenn ja wie die spätere Stadträtin Christiane Gick an den Protesten und am Speck-Putsch beteiligt war, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Auch ihr weiterer politischer Weg lässt sich nicht mehr belegen.

Nach einer später von Jakob Schneider, dem damaligen Spitzenkandidaten der USPD für die Stadtratswahl, getätigten Aussage soll Gick der Kommunistischen Partei (KP) angehört haben.




Verbürgt ist nur so viel: Gick schrieb am 10. November 1920 aus München eine kurze Notiz an Schneider: „Nachdem ich von verschiedener Seite Nachricht erhielt, dass es der Partei nicht angenehm ist, dass ich solange weg bin, sehe ich mich veranlasst, das Stadtratsmandat in die Hände der Partei zurückzugeben. Ich danke für das Vertrauen. Weiteres zu erörtern ist überflüssig. Mit revolutionärem Gruß.“

Am 19. November informiert sie ebenfalls handschriftlich den Bayreuther Stadtrat: „Nachdem es der USP nicht angenehm ist, dass ich solange abwesend bin und ich mich auch nicht genötigt sehe, meinen Lehrgang früher aufzugeben, bitte ich den verehrten Stadtrat, mich von meinem Amt zu entheben, damit der für mich in Betracht kommende Ersatzmann eintreten kann.“

Das ist das letzte, im Stadtarchiv aufbewahrte Lebenszeichen der Stadträtin Christiane Gick. Mit Schreiben von 2. Dezember 1920 informiert der Stadtrat Bayreuth „Herrn Bernhard Schabdach, Schreiner“ darüber, dass er „infolge Austrittes der Frau Christiane Gick aus dem Stadtrat …als nächster Ersatzmann in den Stadtrat“ einrückt. Unterzeichnet ist die kurze Mitteilung von Oberbürgermeister Preu. Auch Schabdach wohnt in der Hammerstraße.







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