23. Oktober 2019 - 16:24

Stammgäste bangen: Der Goldne Pfau in Donndorf schließt

Am 15. Dezember wird Sonja Heger ein letztes Mal hinterm Tresen des Goldnen Pfaus in Donndorf stehen. Foto: Manfred Scherer

DONNDORF. Der Goldne Pfau in Donndorf schließt. Wirtin Sonja Heger wird Samstagnacht – oder vermutlich erst irgendwann am Sonntagmorgen – den Zapfhahn zum letzten Mal aufdrehen. Die Stammgäste des Bierlokals mit langer Tradition fragen sich bange: War’s das?




Nein, nicht unbedingt, sagt die Bayreuther Bierbrauerei, die Eigentümerin des Pfaus. Brauereivorstand Hans-Joachim Leipold lässt auf Anfrage erklären, dass es zurzeit einen Interessenten gebe, mit dem die Brauerei für eine Weiterverpachtung in Verhandlungen stehe. Entscheiden wolle sich der Interessent aber erst in den nächsten Wochen, und: Die Brauerei hoffe, dass noch weitere Gastronomen Interesse zeigen.

Die 44-jährige Donndorferin Sonja Heger führt das Wirtshaus seit Januar 2015. Sie war die Wunschkandidatin der Stammgäste, nachdem Kultwirtin Edith Knauer nach 18 Jahren aufhörte. Heger arbeitet in der Gastronomie seit sie 15 ist. Als Bedienung auf sämtlichen Kerwas, in der Gaststätte Großmann in Mistelbach, beim Fasching in der Bundeswehrkaserne, bei den Donndorfer Reservisten und auch als Aushilfe im Pfau bei Edith Knauer: „Die Gäste kannten mich und haben gefragt.“ Da wagte sie, gerade frisch verheiratet, den Sprung. Ihr Mann Sören, der bei vier Kerwas Urlaub nahm, um seine Frau zu unterstützen, sagt: „Jetzt hab’ ich wieder was von ihr.“

Das Familienleben ist der Hauptgrund für Sonja Heger, den Pachtvertrag zu kündigen: Sie ist jetzt Oma geworden, will nicht mehr bis in die Nacht hinterm Tresen stehen: „Manchmal sperre ich erst in der Früh um vier Uhr zu.“ Und doch sagt sie: „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Es war nicht bloß ein Job.“ Die Stammgäste sind ihr eine zweite Familie geworden.

Das zeigte sich zum Beispiel in jener Nacht, als es Blitzeis gab im Landkreis und keiner, der noch einigermaßen klar im Kopf war, nur einen Fuß auf die Glatteisfläche vor der Tür setzte. Die Gäste schliefen im Pfau. Hier gibt es einen „Panzerfahrerstammtisch“, benannt nach Sonja Hegers Schwager „Jim“ Ringlein. Er sieht aus wie ein in einen Panzer eingezwängter Mensch, wenn er am Tressen sitzend vornübergebeugt schläft. Die Panzerfahrer tragen spezielle T-Shirts und auf dem der Wirtin steht: „Tankstation“.




Tankstation und Wohnzimmer

Tankstation, das ist der Grund, warum es die Stammgäste in den Pfau zieht. Wobei es nicht bloß um das Tanken von Bier geht, sondern fast mehr um das Auftanken der Seele. Heiner Stelzer, seit über 40 Jahren Pfau-Gänger beschreibt es so: „Mein zweites Wohnzimmer.“ Hier kann er nach einem harten Arbeitstag runterkommen, Freunde treffen, die neuesten Dorfnachrichten hören und, wie es auf fränkisch heißt: „A weng bleed waafen.“ Stelzer sagt: „Es gibt kein Schimpfwort, das diese vier Wände noch nicht gehört haben.“

Die Gäste erfuhren an der Kerwa im August, dass ihre Wirtin Schluss machen würde. Seither macht sich zunehmend Traurigkeit, Verzweiflung und ein wenig Trotz breit. Tagtäglich wird im Pfau seither sinniert, woran es nun liegt, das Wirtshaussterben. „Die steigenden Kosten sind das Problem der kleinen Bierkneipen“, sagt Wirtin Sonja Heger. Der letzte Preis fürs Seidla bei ihrer Vorgängerin Edith Knauer: Zwei Euro. Seither hat sie zweimal Bierpreiserhöhungen an die Gäste weitergegeben, einmal nicht. Ein Bier kostet zurzeit 2,40 Euro. Und für das kommende Jahr habe die Brauerei die nächste Erhöhung bereits angekündigt. Sie sagt: „Reich wird man als Wirt nicht. Mir tat es weh, den Gästen immer mehr abzuknöpfen.“

Heiner Stelzer widerspricht: „Gegen eine Bierpreiserhöhung hatte ich noch nie was.“ Und der junge Felix Ruck vom Burschenverein würde alles tun, damit seine Stammkneipe weiterhin existiert: Ob seine Idee, einen Verein zu gründen und den Pfau im Notfall in Eigenregie weiterzuführen, mehr als ein Griff zu einem gedanklichen Strohhalm ist, das weiß er selbst nicht, gibt aber zu: „Am besten wär’s natürlich, wenn die Kneipe wieder jemand übernimmt.“




Wer will schon am Wochenende arbeiten?

Die Eckersdorfer Bürgermeisterin Sybille Pichl glaubt, dass der Beginn des Untergangs der Gaststätten, gerade für solch kleine Kneipen, wie es der Goldne Pfau zuletzt war, das Rauchverbot gewesen sei. Hinzu komme, dass die Lebensrealität der Menschen sich geändert habe. Es sei einfach nicht mehr wie früher, dass „der Vater, wenn er von der Arbeit heimging, erst einmal auf ein Bierchen in die Kneipe ging“.

Pichl sieht auch in der Personalfindung ein Problem: Kaum jemand sei bereit, abends und am Wochenende zu arbeiten, was sich zum Beispiel im Fall der Schließung des Hotels Fantaisie gezeigt habe. Gravierend sei zudem der Investitionsstau bei den Gebäuden und in der Ausstattung. Wenn, wie im Fall des Pfaus, eine Brauerei Eigentümer ist, dürfte ein solcher Investitionsstau nicht sein: „Wo will sie denn ihr Bier verkaufen, wenn sie nicht dafür sorgt, dass die Gaststätten laufen und weiterbetrieben werden?“




Die Reservisten halten die letzte Stellung

Ähnlich ist die Ansicht des Gemeinderats Winfried Parchent: „Eigentum verpflichtet“, meint er mit Blick auf notwendige Modernisierungen in dem alten Pfau-Gebäude in der Bamberger Straße 28. Parchent sieht ebenfalls das Rauchverbot als einen Grund für den Niedergang der Wirtshäuser. Der Hauptort der Großgemeinde Eckersdorf/Donndorf ist massiv davon betroffen: Die Gaststätte Stamm und das Hotel Fantaisie in Donndorf, die Gaststätten Bauer und Salamandertal in Eckersdorf: Alle, zum Teil seit Jahren, geschlossen. Parchent meint, das liege an der besonderen Lage des Ortes am Bayreuther Stadtrand: „Man hat es nicht weit in die Stadt – oder man fährt gleich weiter aufs Land.“ Und deshalb meint Parchent, ganz anders als die Bürgermeisterin, dass die Gemeinde irgendwann „in die Pflicht“ kommen könne und zumindest versuchen müsse, einen Treffpunkt in der Art des Pfaus zu erhalten.

Doch noch ist das nicht so weit, denn: Oben im Pfau-Gebäude halten die Reservisten die Stellung. Reservistenwirt Thomas Krug sagt: „Vielleicht kommen ja jetzt Gäste von unten zu uns rauf.“ Die Reservisten haben laut Krug bis Ende 2019 einen Pachtvertrag.

Im Pfau ist der Fußballsender Sky schon gekündigt, die Bilder abgehängt, wie auch die Fahnen von Borussia Mönchengladbach und des FC  Bayern. Nur die Fahne des „Club“ kommt erst am letzten Tag weg. Und wahrscheinlich hören die vier Wände des Gastraums noch einmal jeden Fluch der deutschen Sprache.




Aus der Geschichte des Goldnen Pfau

Der Donndorfer Hobbyhistoriker Gustav Ruckriegel hat eine sehr enge Beziehung zum Goldnen Pfau: Am 12. Dezember 1946 wurde er in diesem Gebäude geboren. Ruckriegels Eltern, Johann und Katharina, waren von 1934 bis 1954 Wirtsleute im Pfau, als Nachfolger seiner Großeltern Konrad und Kunigunda, die das Gasthaus seit 1894 betrieben – samt Metzgerei. „Mein Vater hieß ,Pfau-Kleiner’, weil er der jüngste von 15 Geschwistern war. Meine Mutter hat zur Kerwa immer 50 Gänse geschlachtet.“ Wann das Haus genau gebaut wurde, hat Ruckriegel nicht herausfinden können, jedoch den ersten Besitzer: Einen Friedrich Dormeyer, der aus Creußen nach Donndorf kam. Später diente das Haus als Nebengebäude der Nervenheilanstalt St. Gilgenberg, deren Hauptsitz im heutigen Eckersdorfer Rathaus war. Der Pfau hatte im Erdgeschoss eine „normale“ Wirtsstube, einen von Kastanien beschatteten Biergarten, im ersten Stock Fremdenzimmer. Daneben weitere Gasträume, wo heute der Reservistenverein residiert. Daneben liegt der große Saal, der schon früher der wichtigste Tanzsaal im westlichen Landkreis war: Hochzeiten, Leichenschmaus, Konfirmationen, Weihnachtsfeiern sind wieder möglich, nachdem der frühere Schießstand der Reservisten abgebaut wurde. 1963 verkaufte sein Großvater das Haus an die Bierbrauerei – auf Lebensrente: „Ein kluger Schachzug vom Opa“, sagt Gustav Ruckriegel, seine Großmutter sei nämlich erst 2007 mit 95 Jahren gestorben.







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