Zuckerschnuten: Der Weltdiabetestag 2018

Zuckerschnute durch und durch. Der kleine Brandon (3) aus Pegnitz. Foto: Roider

Heute ist der Tag der Zuckerschnuten: Weltdiabetestag. Für Außenstehende eine merkwürdige Wortwahl, doch Diabetiker gehen im Regelfall recht locker mit dieser eigentlich sehr schweren Krankheit um. Der Weltdiabetestag wird seit 1991 als ein Tag der Internationalen Diabetes-Föderation (International Diabetes Federation, IDF) und der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) durchgeführt. 




Laut WHO-Angaben litten im Jahr 2014 8,5 Prozent der Erwachsenen im Alter von 18 Jahren oder älter an Diabetes. 2016 war die Krankheit die Ursache für 1,6 Millionen Tote, 2012 sorgten hohe Blutzuckerwerte für weitere 2,2 Millionen Tote. Hauptziel der Kampagne zum Weltdiabetestag am 14. November 2018 ist, das Bewusstsein für die Auswirkungen von Diabetes auf die Familie zu schärfen und ihre Rolle bei Prävention, Aufklärung und Pflege zu fördern. So seien zum Beispiel gesunde Mahlzeiten und gemeinsamer Sport ein Beitrag, um Typ-2-Diabetes vorzubeugen, heißt es.

Seit 2007 ist der Weltdiabetestag ein offizieller Tag der Vereinten Nationen (United Nations, UN). Er wurde im Dezember 2006 in der Resolution 61/225 verabschiedet. Damit ist er, neben dem Welt-AIDS-Tag, der im Jahre 1988 ausgerufen wurde, der zweite Tag, der einer Krankheit gewidmet ist. Man hat den 14. November ausgewählt, da an diesem Tag Frederick G. Banting geboren wurde, der gemeinsam mit Charles Herbert Best 1921 das lebenswichtige Insulin entdeckte.



Zahlen und Fakten

In Deutschland gibt es aktuell mehr als sechs Millionen Menschen mit Diabetes. Dies ist eine Steigerung um 38 Prozent seit dem Aufzeichnungsbeginn im Jahre 1998. Täglich werden etwa eintausend neue Patienten registriert. Ein Anstieg, der wohl auch auch der Umweltveränderung zuzusprechen ist. Etwa 300.000 Menschen in Deutschland haben Diabetes Typ 1. Davon sind mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren. Auch schon kleinste Kinder, wie der dreijährige Brandon Fish aus Pegnitz, sind betroffen.

Im Sommer litt er an plötzlich an Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Magen-Darm-Problemen. Dass er so durstig war und viel Urin absonderte, sprachen die Eltern zunächst der Hitzewelle zu. Als er dann aber nach einigen Tagen eintrübte und ins Krankenhaus kam, stellten die Ärzte einen Blutzucker von mehr als 400 mg/dl fest. Normal liegen die Werte zwischen 80 und 120 mg/dl. „Eine schwere Umstellung für uns alle“, sagt Mama Melanie. Denn neben der Familie mussten auch die Erzieher im Kindergarten geschult werden. Sie unterstützen den jungen Mann wo es geht, stellen sogar die Blutzuckermessung und Insulingabe sicher. Ständig muss er Arzttermine und Nadelstiche über sich ergehen lassen. Er selbst sagt jetzt nach vier Monaten: „Ich bin zuckerkrank“.




Zuckerschnute durch und durch. Der kleine Brandon (3) aus Pegnitz. Foto: Roider

Unterschiede und Mythen

Mediziner unterscheiden zwei Arten von Diabetes: Beim Typ-1-Diabetes – früher auch jugendlicher Diabetes genannt – werden die Insulin bildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört. Beim Typ-2- oder Altersdiabetes wirkt das Insulin einerseits nicht voll; die Zellen reagieren nicht empfindlich genug auf das Hormon durch eine Autoimmunreaktion des Körpers. Sie können nur noch wenig Glukose aufnehmen und verbrennen. Andererseits setzt die Bauchspeicheldrüse nicht genügend Insulin frei. Im Verlauf des Typ-2-Diabetes lässt zusätzlich die Insulinbildung nach.

Bei der Nahrungszufuhr gelangt die Glukose in die Blutbahn. Die Bauchspeicheldrüse misst ständig den Blutzucker – ist dieser hoch, schüttet sie Insulin aus. Insulin sorgt für die Aufnahme der Glukose in die Körperzellen und für den Aufbau von Zuckerspeicher in der Leber. Ist der Blutzucker niedrig, wird das Hormon Glukagon freigesetzt, welches Glukose aus den vorhandenen Zuckerspeicher wieder freisetzt.




Grafik und Infos: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH

Die genauen Ursachen der Krankheit sind bis heute nicht vollständig geklärt. Mediziner vermuten bei Typ-1-Diabetes ein Zusammenwirken von Erbfaktoren, Virusinfekt und Autoimmunerkrankung. Bei Typ-2-Diabetes liegt eine angeborene oder erworbene Insulinresistenz der Zellen vor, die mit einer verminderten Insulinfreisetzung gekoppelt ist. Durch Überernährung wird die Insulinresistenz zusätzlich verstärkt. Folglich muss die Bauchspeicheldrüse zunächst mehr Insulin herstellen. Langfristig kommt es zu einer Überforderung der Insulin bildenden Zellen. Folge dieser komplexen Abläufe ist das Bild der Zuckerkrankheit.



Folgen sind lebensbedrohlich

Krankenkassendaten zeigen, dass jedes Jahr bei etwa 500 000 gesetzlich Krankenversicherten Diabetes Typ 2 diagnostiziert wird. Die möglichen Folgen bei unerkanntem Diabetes sind lebensbedrohlich: Höheres Risiko von Amputationen, Erblindung, Schlaganfall und Herzinfarkt. Wegen einer zu späten Diagnose sterben Menschen mit Diabetes fünf bis zehn Jahre früher, hieß es in der Kampagne zum Weltdiabetestag vor zwei Jahren. Aus diesem Grund entwickelte das Deutsche Institut für Ernährungsforschung den Diabetes-Risikotest.

Es liegt nicht am Zuckerkonsum

Dass man bei Diabetes nicht pauschal vom Alterszucker sprechen kann, hat sich in den letzten Jahren auch in der Öffentlichkeit herumgesprochen. Selbst Falschaussagen wie „das kommt von zu viel Zucker essen“ sind längst widerlegt. Typ 2 Diabetes, oftmals eben auch Alterszucker gekannt, trat früher erst ab dem 40. Lebensjahr – „heute schon ab dem 20.“, sagen Experten. Als mögliche Ursachen für diesen Trend werden zunehmende Belastungen und sitzende Tätigkeiten im Beruf sowie eine unausgeglichene Ernährung angeführt.

Wer einen normalen Stoffwechsel hat, kann natürlich auch Zucker essen. Es kommt jedoch auf das „wie  und wieviel“ an. Die beiden wichtigsten Formen der Diabetes seien laut Expertenrunde aber ohnehin genetisch veranlagt. Von Typ 1 Betroffene bilden schon im Kinder- oder Jugendalter das Hormon Insulin nicht mehr. Diabetiker in der Familie erhöhen das Risiko zu erkranken, ebenso wie ein ungesunder Lebensstil.



Behandlung und Therapie 

Rund 50 Prozent der Typ-2-Diabetiker können ohne Medikamente gut behandelt werden. Durch eine sinnvolle Ernährungsumstellung, Gewichtsabnahme, spezieller Schulung und Bewegung schaffen sie es, den Zuckerhaushalt im Griff zu behalten. Allerdings müssen genauso viele Menschen blutzuckersenkende Tabletten einnehmen. Mehr als 1,5 Millionen Typ-2-Diabetiker werden sogar mit Insulin behandelt, sei es als kombinierte Therapie mit Tabletten, konventionelle Zweispritzentherapie oder einer intensivierten Insulintherapie. Ähnlich wie bei den Typ-1-Diabetikern.

Typ1-Diabetiker müssen immer und lebenslang selbst Insulin zuführen. Meist erfolgt diese Insulingabe in Form der intensivierten Insulintherapie. Von den etwa 300.000 Typ-1-Diabetikern wurden bisher über 40.000 in der Insulinpumpentherapie unterwiesen. Diese Patienten haben einen Insulinkatheter, über den nicht nur tagsüber regelmäßig eine gewisse Menge in den Körper gepumpt wird, hierüber können auch zu den Mahlzeiten Bonuseinheiten direkt gespritzt werden, ohne dass eine Nadel in den Körper gestochen werden muss. Lediglich die Kanüle des Katheters, der mit einer Insulinpumpe verbunden ist, muss alle drei Tage neu gestochen und gelegt werden, was der Patient jedoch selbst erledigen kann.

Das Katheter-Set mit Stechhilfe. Alle drei Tage muss neu gestochen werden. Dabei werden auch das Schlauchsystem und das Insulin regelmäßig gewechselt. Foto: Melanie Fish




Blutzuckermessung

Konventionell müssen Diabetiker ihren Blutzuckerspiegel über einen Pieks in den Finger messen. Doch die Forschung ist schon sehr viel weiter. Viele Firmen haben sich auf die Glukosemessung im Gewebe spezialisiert. Anders als beim Blutzuckermessen wird der Glukosegehalt in der Gewebeflüssigkeit des Unterhautfettgewebes gemessen. Der zweite große Unterschied ist die Frequenz: Gemessen wird automatisch, in Zeitabständen von nur wenigen Minuten. Ein kleiner Sensor führt die Messungen durch, der in der Regel am Bauch oder am Oberarm unter der Haut sitzt.

Je nach System wird der Sensor mit einer Setzhilfe eingeführt und alle fünf bis sieben Tage ausgetauscht oder durch geschultes Fachpersonal für bis zu sechs Monate unter die Haut eingesetzt. Ein mittels Pflaster fixierter Transmitter überträgt die Daten dann an ein spezielles Empfangsgerät oder an eine Smartphone App. Bei diesen auch rtCGM (real time = Echtzeit) genannten Systemen können Menschen mit Diabetes den aktuellen Glukosewert also jederzeit im Blick behalten. Das Zerstechen von Fingerkuppen entfällt damit.




Links: Der Dexcom5. Ein Sensor, der den Blutzuckerspiegel im Gewebe feststellt und Daten an Empfänger und Handy sendet. Rechts: Der Katheter, der unmittelbar mit der Insulinpumpe verbunden ist. Beide Geräte sind vor allem bei kranken Kindern fast unersetzlich. Foto: Melanie Fish.




Ein zuckersüßes Leben 

Natürlich ist Diabetes eine schwere und zugleich chronische Krankheit. Sie bringt Gefahren mit sich, auch Spätfolgen im Alter. Bisher gilt Diabetes zwar einerseits als große Volkskrankheit, aber auf der anderen Seite ist in den Medien selten davon zu hören, dass ein erhöhter Blutzuckerspiegel das Sterberisiko deutlich erhöht. Dies könnte sich auf Grundlage der neuen Ergebnisse der Forschung allerdings schnell ändern, denn durch die im Beitrag genannten Folgeerkrankungen scheint es in Deutschland mittlerweile jeder fünfte Todesfall zu sein, der auf Diabetes als eigentliche Ursache zurückzuführen ist. Durch den heutigen Stand der Medizin, lässt es sich dennoch gut mit der Krankheit leben.