Mädchen (11) nach Unfall in Lebensgefahr: Vorwürfe gegen die Einsatzkräfte

Symbolbild: Jürgen Zier

FORTH, ECKENTAL. Am Dienstag Abend kam es im Landkreis Erlangen-Höchstadt zu einem folgenschweren Unfall. Ein kleines Mädchen schwebt seitdem in Lebensgefahr und musste schon mehrfach operiert werden. Nun werden Vorwürfe gegen die Retter laut. Vor allem gegen die Polizei. 





Kurz nach 18 Uhr wollte die elfjährige Janice die Forther Hauptstraße bei starkem Berufsverkehr überqueren. Nur 150 Meter vom Elternhaus entfernt. Es war schon dunkel und sie übersah dabei offenbar ein in Richtung Eschenau fahrendes Auto. Dessen Fahrer, ein 19-jähriger Fahranfänger in einem Seat, versuchte noch einen Frontalzusammenstoß mit dem Kind zu verhindern und scherte nach links aus. Bei dem Ausweichversuch erfasste er das Mädchen jedoch noch seitlich.

Janice wurde über die Motorhaube katapultiert und gegen die Windschutzscheibe geschleudert. Im weiteren Verlauf krachte der Seat noch frontal in den Gegenverkehr und stieß mit einem entgegenkommenden VW Passat zusammen. Beide Autos wurden im Frontbereich stark beschädigt und mussten abgeschleppt werden. Der Sachschaden liegt bei etwa 10.000 Euro.




Schwerste Verletzungen

Viel schlimmer steht es um das kleine Mädchen aus Forth. Sie musste vom Rettungsdienst versorgt und unter Notarztbegleitung in die Kopfklinik Erlangen eingeliefert werden. Entgegen erster Meldungen örtlicher Medien, steht es sehr schlimm um die Elfjährige. Wie ihre Mutter Marion (41) gegenüber Reporter24 berichtet, schwebt Janice in Lebensgefahr und musste schon drei Mal operiert werden. Sie erlitt demnach einen beidseitigen Beckenbruch und auch ein Ellbogen ist gebrochen. Darüber hinaus eine Gehirnblutung und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, bei dem die Ärzte derzeit den Gehirndruck nicht gesenkt bekommen. Außerdem ist eine Niere und die Leber gerissen.



Vorwürfe gegen Polizei und Unfallfahrer

Die Eltern bangen weiter um das Leben ihrer Tochter. Darunter auch der Lebensgefährte (45) der Mutter, denn der Vater von Janice ist vor fünf Jahren ums Leben gekommen. Schicksale, die man nicht braucht im Leben. Der 45-Jährige ist selbst Feuerwehrmann und versteht die Welt nicht mehr. Passanten mit Taschenlampen mussten die Unfallstelle absichern, die sich mitten im Berufsverkehr in einem Kurvenbereich befand. Die örtliche Feuerwehr wurde nicht alarmiert. Und das, obwohl die Beteiligten es bei der Polizeistreife vor Ort wohl mehrfach angeregt haben. 

„Brauchen wir nicht“, sei die schroffe Antwort gewesen. Auf die Frage, wer denn den Verkehr regelt und Autofahrer warnt, habe ein Beamter gesagt: „Weiß ich nicht, gehört nicht zu uns“. Tatsächlich haben sich mehrere Passanten zum Helfen bereitgestellt. Vorbildlich, denn meistens wird nur gegafft, sagte einer der Unfallbeteiligten selbst. Der Zorn richtet sich gegen die Beamten der Polizei und den jungen Autofahrer. Mutter Marion sagt zudem, es habe drei Zeugen gegeben, die berichten, dass die Elfjährige schon zu 75 Prozent die Straße überquert hatte. Und wenn der Fahrer aufmerksam gewesen wäre, hätte er auch noch Richtung Gartenzaun ausweichen können.



Einsatzklar gewesen

Die Feuerwehrleute standen bereits in den Startlöchern, wussten von dem Unfall. Schließlich ging es um die Stieftochter eines Kameraden. Und auch Janice selbst ist bei der örtlichen Feuerwehr in der Jugend. „Vielleicht eine Schutzmaßnahme für die Kameraden“, fragte unser Reporter. Denn natürlich herrscht in solchen Fällen auch tiefe Betroffenheit bei den Rettern selbst. „Das ist unwesentlich“, meint Mutter Marion. Die Feuerwehrleute seien professionell und hilfsbereit.

„Wenn sie gebraucht werden sind sie da“. Außerdem sei man zu Beginn des Geschehens nicht von Lebensgefahr ausgegangen und auch die Nachbarwehren seien einsatzklar gewesen. Die absichernden Passanten seien dunkel gekleidet gewesen auf der Straße. Besondere Angst hatte die Familie, dass noch weitere Autos in die Unfallstelle krachten, die Sicherungsposten übersehen oder gegen den Rettungswagen fahren. Doch auch jetzt habe die Polizei weiterhin geblockt und eine Alarmierung der Feuerwehr verweigert.



Im Rettungswagen plötzlich eingetrübt

Spätestens als Janice im Rettungswagen nicht mehr ansprechbar war, musste von Lebensgefahr ausgegangen werden. Allerdings habe man weder die Spuren am Unfallort vermessen, noch einen Gutachter mit der Unfallanalyse beauftragt. So zumindest die Vorwürfe der betroffenen Familie. Die Polizei hat sich zu den Vorwürfen am Freitagnachmittag geäußert. Demnach habe man „alle Maßnahmen, die im Zusammenhang mit einem Verkehrsunfall mit derartigen Folgen erforderlich sind, auch getroffen“, sagt Pressesprecher Michael Konrad vom Polizeipräsidium Mittelfranken auf Nachfrage von Reporter24. Dazu würden eben auch die Vermessung der Unfallstelle und die Einschaltung eines Sachverständigen dazugehören.

Interne Ermittlungen bei der Polizei

„Höchstens nachträglich“, erwidert die Mutter des verletzten Mädchens, die jetzt über einen Rechtsanwalt Akteneinsicht forderte. Warum die Beamten aber keine Feuerwehr alarmiert haben, bleibt offen. Während der Aufnahme vergleichbarer Unfälle werden von den zuständigen Polizeibeamten üblicherweise Einsatzkräfte der örtlichen Feuerwehr zur Verkehrsregelung hinzugezogen, sagt Polizeisprecher Konrad. Weshalb dies im aktuellen Fall nicht erfolgte, „wird intern überprüft“, heißt es weiter.





Wann wird die Feuerwehr alarmiert

Es gibt grundsätzlich drei Indikationen bei einem Verkehrsunfall, wann die Feuerwehr alarmiert wird. Thomas Schertel, Pressesprecher der Feuerwehr Nürnberg und damit auch Ansprechpartner für den Bereich der ILS Nürnberg, will sich nicht zum aktuellen Fall äußern, erklärte uns aber die drei Varianten, die zum Alarm der Feuerwehr führen.

  1. Technische Rettung
  2. Erste Hilfe Feuerwehr
  3. Verkehrsabsicherung/Reinigung

Weil das Mädchen nicht eingeklemmt war, konnte es vom Rettungsdienst schnell behandelt werden. Ein Rettungssatz der Feuerwehr war also nicht notwendig, weswegen der erste Alarmgrund hinfällig wäre. Auch für die Erste Hilfe waren die Feuerwehrleute demnach nicht notwendig. Der diensthabende Disponent der Leitstelle muss jeweils abschätzen, wer am schnellsten vor Ort ist. Würde der Rettungsdienst länger als acht bis zehn Minuten brauchen und auch kein anderer Krankenwagen oder Ersthelfer in der Nähe sein, wird meistens die Feuerwehr alarmiert. Am Dienstagabend sei die so genannte „Hilfsfrist“ aber einhaltbar gewesen. Somit würde auch der zweite Alarmierungsgrund wegfallen.

Es bleibt also die Verkehrsabsicherung. Hier obligt es laut Schertel der Polizei, ob sie zur Amtshilfe die Feuerwehr oder das THW alarmieren lässt. Fakt ist aber auch, dass die Polizei während der Unfallaufnahme mit Blaulicht im Kurvenbereich stand. Ob das ausreichend ist, liegt im Ermessen der Beamten. Weil nichts passiert ist, wird es wohl folgenlos bleiben.