Amokfahrer dank Spritze nicht mehr gefährlich?

Als der Mecedes des Beschuldigten im April 2018 am Sophienberg gestoppt wurde, fielen Schüsse aus Polizeiwaffen. Foto: Markus Roider

BAYREUTH. Er raste von Hof bis Bayreuth kreuz und quer über die Autobahn, immer mehr Polizeiautos hinter sich. Fahnder schossen auf sein Auto, ein Polizist musste sich mit einem Hechtsprung vor dem Amokfahrer retten. Bei seiner Festnahme rief er, die „Schweizer Garde“ werde ihn befreien. Heute, sieben Monate danach, ist der 26-jährige Berliner so harmlos, dass das Bayreuther Schwurgericht ihn frei lässt.





Der Mann stand nicht als Angeklagter, sondern als Beschuldigter vor dem Schwurgericht. Der Grund: Schon wenige Stunden nach seiner Amokfahrt deutete sich an, dass der 26-Jährige psychisch krank und deswegen mutmaßlich nicht schuldfähig ist. Der Mann konnte deshalb für die Delikte seiner Amokfahrt – Straßenverkehrsgefährdung, Unfallflucht, gefährliche Körperverletzung, tätliche Angriffe auf Polizisten und ein versuchtes Tötungsdelikt an einem Polizisten – nicht bestraft werden.

Gegen den Kranken wurde ein sogenanntes Sicherungsverfahren durchgeführt, in dem das Schwurgericht zu prüfen hatte, ob der 26-Jährige zum jetzigen Zeitpunkt noch gefährlich ist. In diesem Fall wäre die Zwangseinweisung des Mannes in die Psychiatrie die Folge gewesen. Dass diese Maßnahme nicht mehr notwendig ist, bezeichneten die Beteiligten des Prozesses als „außergewöhnlich“, als „einzigartig“ und als Musterbeispiel für psychiatrische Lehrbücher. Der Gerichtsvorsitzende Michael Eckstein sagte: „So einen Fall hatte ich in 15 Jahren nicht.“




Und so ging es nach der Amokfahrt weiter: Beim Ermittlungsrichter sagte der Amokfahrer, er habe eine „Augenkamera“ implantiert, die er nun zur Beweissicherung einschalten werde, um das Unrecht, das ihm als Schweizer Diplomat angetan werde, zu dokumentieren. Der Mann wurde einstweilen im Bezirkskrankenhaus untergebracht, wo er zunächst die Zusammenarbeit verweigerte. Doch die Therapeuten und Ärzte und sein Verteidiger, den er ursprünglich wegschicken wollte, blieben hartnäckig. Und eines Tages empfing der 26-Jährige seinen Anwalt Karsten Schieseck mit selbst gebackenen Käsekuchen. Schieseck sagte: „Der Fall begann dramatisch und nahm eine noch dramatischere Wende: Mein Mandant kam aus einer anderen Welt zurück.“




Psychiater: „So häufig erlebe ich das nicht“

Diese andere Welt ist laut dem Chefarzt der forensischen Klinik am Bezirkskrankenhaus, Volkmar Blendel, nach Blendel eine klassische Schizophrenie „wie aus dem Lehrbuch. So häufig erlebe ich das in der Klinik nicht.“ Die Krankheit des genetisch vorbelastete Beschuldigte habe sich vor der Amokfahrt langsam verdichtet und sei dann voll ausgebrochen: Wochen vor dem Tag war der Mann in Berlin in einem Krankenhaus gewesen und habe dort etwas von einem „Chip“ in seinem Kopf berichtet.

Am 16. April brach die Schizophrenie aus, der Beschuldigte wurde gegen seine Mutter gewalttätig, nahm ihr den Autoschlüssel weg und kündigte an, nun „in den Krieg“ zu ziehen. Am Vormittag des 17. April sichteten Polizisten den zur Fahndung ausgeschriebenen Mercedes auf der A 9 bei Hof – die Jagd begann.




Psychiater Blendel berichtete, wie es gelang, den Beschuldigten aus der anderen Welt zurück zu holen: Man habe den Beschuldigten davon überzeugen können, ein spezielles Medikament zu nehmen. Das Medikament, zunächst in Tablettenform verabreicht, habe gewirkt. Man sei vor sechs Wochen dazu übergegangen, das Medikament in Form einer Depotspritze zu verabreichen und es wirke optimal. Blendels Resümee: „Er ist heute ein Mensch, der weniger gefährlich ist als sie oder ich, ein Mensch, der keine Fliege mehr was zuleide tut. Ich würde ihn nach Hause schicken.“

Für einen Gerichtsgutachter selten, sagte Blendel, er sei „sicher“, dass der Beschuldigte nicht mehr gefährlich sei. Die Depotspritze wirke so lange nach, dass der Beschuldigte für den Fall des Nichterscheinens zum nächsten Spritzentermin geholt werden könne.

Dem Gutachten entsprechend beantragte Staatsanwalt Stefan Kolb die Unterbringung des Beschuldigten nicht. Das Gericht ordnete die Unterbringung nicht an. Der Gerichtsvorsitzende sagte zu dem Beschuldigten: „Der heutige 9. November ist nicht nur ein deutscher Schicksalstag, sondern auch ihrer.“