Heimliche Hauptstadt der Ideen: In Kulmbach sind die Visionäre zuhause

Gute Ideen sind in Kulmbach keine Seltenheit. Die Einwohner haben bis heute viele Erfindungen gemacht. Foto: Stefan Linß

Von Stefan Linß


KULMBACH. In Kulmbach sind die Visionäre zu Hause. Der große Erfindungsreichtum brachte schon die Kältetechnik, Präzisionsuhren, das Elektroauto und noch vieles mehr hervor.




Deutschland ist Innovationsweltmeister. Vor wenigen Tagen hat das Weltwirtschaftsforum herausgefunden, dass hierzulande die meisten Erfindungen gemacht werden. Die Entwicklung neuer Ideen bis zur erfolgreichen Vermarktung könne niemand so gut wie die Deutschen. Sie sind bei Patentanträgen, der Veröffentlichung wissenschaftlicher Studien und der Qualität der Forschung spitze. Im Land der Erfinder ist Kulmbach eine Stadt der Visionäre. Zu den Innovationen aus der Mitte Oberfrankens gehören nicht nur die Kühlmaschine und das Elektroauto, sondern auch der Bratwurststollen, der Eisbock und eine Waschlappen-Alternative für empfindliche Haut.

Kulmbach sieht sich besonders gern als Heimat und heimliche Hauptstadt des Bieres. Zwar ist das Getränk vermutlich in Mesopotamien erfunden worden. Aber in Mitteleuropa gehörten die Kulmbacher wohl zu den ersten Brauern. Der älteste Bier-Nachweis auf deutschem Boden ist nämlich ganz in der Nähe der Stadt ausgegraben worden. Die Bieramphoren aus der frühen Hallstattzeit werden auf das Jahr um 800 vor Christus datiert.




Brauergeselle erfindet Eisbock

Viele Jahrhunderte später war es ein Brauergeselle, der durch Zufall den Eisbock erfunden hat. Er soll es kurz vor Feierabend versäumt haben, die Bierfässer in den Keller zu bringen. Stattdessen ließ er sie in der Winternacht draußen stehen. Als die Brauer am nächsten Morgen mit ihrer Arbeit begannen, sahen sie die geborstenen Fässer und das gefrorene Bier.

Zuerst sollte der Geselle bestraft werden, doch dann erkannten die Brauer das Konzentrat im Inneren der Eisklumpen. Der schwere und süffige Eisbock wird heute noch ganz ähnlich hergestellt.

Allerdings braucht es dank Carl von Linde dafür keinen eisigen Winter mehr. Er ist zwar streng genommen kein Kulmbacher, sondern 1842 ganz in der Nähe in Berndorf bei Thurnau zur Welt gekommen. Seine Erfindungen waren aber ein Segen für die gesamte Bierstadt und für alle Brauereien. Carl von Linde gilt als der Pionier der Kältetechnik. Seine neuen Maschinen und Anlagen haben es erstmals möglich gemacht, konstant niedrige Temperaturen zu halten.

Zwei Kulmbacherinnen in „Die Höhle des Löwen“

Ganz aktuell ist die Innovation von Carolin Schuberth und Marcella Müller. Vor wenigen Wochen haben die beiden Kulmbacherinnen ihre Waschies auf den Weg gebracht. Sie stellten in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ das Produkt vor. Die Waschies sind Tücher, die zarte Babyhaut ohne Chemie, aber trotzdem hygienisch reinigen. Als Alternative zu herkömmlichen Waschlappen sollen sie jetzt in den Handel kommen. Denn ein Investor wird in das Unternehmen einsteigen, der Kurier berichtete.

Eine andere Erfindung haben zuletzt technikbegeisterte Schüler am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium (MGF) gemacht. Ihr Konstrukt misst über Sensoren am Hemd den Neigungswinkel der Wirbelsäule. Bei einer ungesunden Sitzposition machen eingebaute Vibrationsmotoren den Träger auf die Fehlhaltung aufmerksam. Die Idee zur Gesundheitsprävention wird bald ausgezeichnet. Im November sind die Kulmbacher Schüler zur Preisvergabe des Wettbewerbs „Invent a Chip“ nach Berlin eingeladen.

Am MGF ist der Erfindungsreichtum recht groß. Andere Schüler hatten den Einfall, einen Becher zu entwickeln, der den Kaffee für unterwegs umweltfreundlicher macht. Er soll ein Zeichen sein gegen die Wegwerfmentalität und funktioniert über ein Pfandsystem. Im vergangenen Jahr hat sich der „KulmBecher“ etabliert. Zahlreiche Verkaufsstellen machen mit.




Erstes mit Strom betriebenes Auto

In den 1980er-Jahren, als Elektromobilität fast noch Science-Fiction war, erfand der Kulmbacher Erich Pöhlmann seinen „Pöhlmann EL“. Der Ingenieur schuf vermutlich als Erster in Deutschland ein mit Strom betriebenes Auto. Die Reichweite des Zweisitzers lag bei 120 Kilometern. Der „Pöhlmann EL“ hatte es 1983 sogar bis zur Marktreife geschafft, am Ende entschied sich die Automobilindustrie aber dagegen, das Kulmbacher Elektroauto in Serie zu fertigen.

Einen richtig großen Erfolg feierte hingegen der 1881 in Kulmbach geborene Hans Wilsdorf. Er hat die Rolex erfunden, den berühmtesten Zeitmesser der Welt. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Taschenuhr der Standard. Wilsdorf hatte die Vision, eine Armbanduhr herzustellen – in höchster Qualität und Präzision. In der Schweiz machte er seinen Traum war.

Viele Unternehmen im Raum Kulmbach zeigen eine große Innovationskraft. Eine der Persönlichkeiten, die Forschung und Entwicklung stets nach vorne gestellt haben, war Adalbert Raps. Er entwickelte als gelernter Apotheker in den 1920er-Jahren ein Verfahren, Gewürze salzfrei zu produzieren. „Das barg enormes Einsparpotential in sich – denn Salz war damals wegen der langen Transportwege teuer“, teilt der Kulmbacher Gewürzhersteller Raps über seinen Gründer mit.

Bruno Galler hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Regale in Deutschland neu erfunden. Aus dem einfachen Holzregal wurde ein stabileres Konstrukt aus Stahl. Der Kulmbacher verbesserte die Verbindungs- und Fertigungstechnik. Die Firma Galler entwickelte fortan auch neue Palettenregale sowie Stahl- und Werkzeugschränke.




Firma Wiegel mehrfacher Erfinderpreisträger

Die Handwerkskammer für Oberfranken zeichnet regelmäßig die heimischen Betrieb für ihre Innovationskraft aus. Die Firma Wiegel Gebäudetechnik hat den Erfinderpreis schon mehrmals erhalten. Das Kulmbacher Unternehmen entwickelte nicht nur einen neuartigen Solar-Container, den die Bundeswehr seit 2014 im Auslandseinsatz für die Warmwasseraufbereitung nutzt. Wiegel hat auch ein spezielles Temperiergerät für die Automobilindustrie gebaut. Hersteller können mit seiner Hilfe Elektromotoren testen und sie Extremtemperaturen von minus 40 Grad bis plus 140 Grad aussetzen.

Eine Spezialanfertigung ist auch der SL-Eisblock von Stefan Limmer. Der Kulmbacher hat eine Kunststoffform geschaffen, die exakt auf einen Bierkasten passt. Zuerst wird sie mit Wasser gefüllt und ins Gefrierfach gelegt. Es entsteht eine Eismanschette, die dann bei der Gartenparty auf die Flaschen gestülpt wird. Somit bleibt das Bier über viele Stunden hinweg frisch. Mittlerweile ist der Eisblock weit über die Region hinaus bekannt.

Nur im Umkreis von Kulmbach gibt es hingegen den Bratwurststollen. Nach Angaben der Genussregion Oberfranken wurde das spezielle Brötchen erstmals 1910 schriftlich erwähnt. Es sei aber deutlich älter. Wer den ersten Bratwurststollen gebacken hat, ist nicht bekannt. Das Rezept der mit Anis bestreuten Semmel ist seit der Erfindung immer dasselbe geblieben.

In der Stadt der Ideen ist anscheinend Platz für das Bewährte und das Neue gleichermaßen.







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