Vermisste sind nicht immer Vermisste

Spurensuche am Waldrand. Archivfoto: Markus Roider

Vor allem in den sozialen Netzwerken findet man häufig Suchmeldungen von Freunden oder Angehörigen vermeintlich vermisster Personen. Doch ganz oft liegt gar kein Vermisstenfall vor. Vielmehr entscheiden sich erwachsene Menschen zu einer Auszeit aus dem Alltag. Wenn dann deren Bilder im Internet auftauchen, kann das zu großen Problemen führen.



Die gesetzlichen Vorgaben für eine öffentliche Vermisstensuche sind hoch angesetzt. Denn das Persönlichkeitsrecht der vermeintlich Vermissten muss gewahrt werden. Im Regelfall muss eine akute Gefährdung oder gar Hinweise auf ein Verbrechen vorliegen. Gefährdungen sind beispielsweise bei Kindern, Senioren, Behinderten oder psychisch Erkrankten gegeben. Dann suchen die Einsatzkräfte auch sofort und mit allen verfügbaren Mitteln.

Die obligatorische 24-Stunden-Frist, die laut Volksmund stets eingehalten werden muss vor einer Öffentlichkeitssuche, gibt es übrigens nicht. Das sagte Rainer Seebauer vom Polizeipräsidium Mittelfranken im Gespräch mit Reporter24. Der langjährige Pressesprecher verweist auf die Individualität und Eigendynamik einer jeden Vermisstenmeldung. „Jeder Fall ist anders“, sagt Seebauer. Einem erwachsenen Menschen stehe es frei, auch mal aus dem Alltag zu verschwinden.




Erst wenn Auffälligkeiten an den Tag gelangen, kann die Polizei aktiv werden. „Da kann man keine bürokratischen Fristen ansetzen“, sagt Seebauer. Vielmehr müsse man das Auge auf die Gegebenheiten und das Umfeld richten. In manchen Fällen wird man nach ein oder zwei Tagen mit der Suche beginnen, vor allem wenn plötzlich alles zurück gelassen wird. Wie beispielsweise die Arbeitsstelle, Geld oder Ausweispapiere. In anderen Fällen wartet man vielleicht noch länger ab. Wenn beispielsweise keinerlei Gefahren erkennbar sind und auch sonst keine Unregelmäßigkeiten auftreten.

In den Tod getrieben

Volljährige Personen, die sich beispielsweise mit ihren Habseeligkeiten oder gar einem Haustier für einige Tage aus dem Staub machen, stellen für die Behörden keinen Akutfall dar. Selbst jugendliche Ausreißer, sie machen schätzungsweise einen Anteil von 70 Prozent der „Vermissten“ aus, rufen nicht gleich das große Suchkommando auf den Plan.




Problematisch wird es vor allem dann, wenn Menschen in Ausnahmesituationen öffentlich an den Pranger gestellt werden. Hat beispielsweise ein vermeintlich Vermisster suizidale Gedanken, kann eine Öffentlichkeitssuche ihn schwer unter Druck setzen. Es entsteht der Eindruck, „jetzt brauch ich erst recht nicht mehr zurück“.

Es gab schon oft Fälle, wo diese gut gemeinten Aufrufe von Freunden und Bekannten nach hinten losgegangen sind. Das bestätigt auch die Polizei, drüber reden will aber niemand. Professionelle psychologische Hilfe ist in solchen Fällen ebenso wichtig, wie die gezielte Suche nach der Person. Hier werden zunächst Anlaufstellen der Vermissten abgeklärt, Handys geortet, polizeiintern gefahndet oder auch Hunde eingesetzt bevor dann die Öffentlichkeit ins Spiel kommt. Denn gerade die Spürhunde benötigen frische und unverbrauchte Spuren. In nahezu jedem Vermisstenfall laufen im Hintergrund Ermittlungsarbeiten, die nicht immer nach außen sichtbar sind.



Alltag für die Hilfskräfte

Alexander Höhl ist Notfallseelsorger und kommt immer dann, wenn andere Menschen Hilfe brauchen. Auch er spricht von vielen Situationen aus seinem Einsatzalltag, „wo Menschen durch den öffentlichen Druck Schaden nehmen“, wie er sagt. Oftmals sei es dann hilfreich, wenn die Beiträge dazu aus dem Netz gelöscht werden. „Das kann schon zum Umdenken bewegen“, sagt Höhl. Dass die sozialen Netzwerke aber Fluch und Segen gleichzeitig sein können, weiß auch er. „Für Hinweise ist das eine gute Möglichkeit, neue Ansätze zu erhalten“ führt der Seelsorger fort. Aber dann muss das auch von Fachkräften wie der Polizei gesteuert und betreut werden.




Rechtliche Folgen

Das Recht am eigenen Bild gehört zum Persönlichkeitsrecht eines Menschen. Wird es missachtet, können teure Schadensersatzforderungen drohen, sagt Rechtsanwalt Dennis Tölle. Das gilt auch dann, wenn eigentlich „gute Absichten“ dahinter stecken. Wer beispielsweise einfach Fotos und Namen von vermissten Freunden und Kollegen veröffentlicht, macht sich strafbar. Liegt tatsächlich eine berechtigte Notlage vor, so kümmert sich die Polizei um eine Veröffentlichung. War der „Vermisste“ nur mal einige Tage dem Alltag entflohen und entdeckt dann seine Fotos im Netz, kann das unangenehm werden.

Neben den Folgen im privaten und beruflichen Leben, wie zum Beispiel einer Rufschädigung, kann so eine Geschichte auch Spätfolgen haben. „Mensch Du bist doch der, der vor par Monaten überall gesucht wurde“. Sprüche mit denen der Betroffene dann vielleicht nicht umgehen kann. Für die Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte kann der vermisst Geglaubte dann Schadensersatz und Unterlassungsansprüche geltend machen. Das beginnt mit einer Geldstrafe und kann im Einzelfall auch im Gefängnis enden.




Fazit: Öffentlichkeitsfahndungen sollten den Behörden überlassen werden. Offene Gespräche mit dem Umfeld helfen hier sicherlich weiter. Ein privater Aufruf kann alles nur noch schlimmer machen. Auch wenn man sich hilflos fühlt: Die Profis wissen, was sie tun.

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