Jubel und Proteste: AfD Chefin besucht Wunsiedel

Foto: Paul Dippold

Ein Bericht von Rainer Maier


WUNSIEDEL. Ein gemischtes Bad der Gefühle beim Besuch der AfD Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel im Fichtelgebirge. Auf der Bühne: Daniela Förster (Bezirkstagskandidation), Gerd Kögler (Landtagskandidat und Vorsitzender des Kreisverbandes Hochfranken), Prof. Dr. Michael Wüst (Landtagskandidat für Stadt und Landkreis Hof), Thomas Rausch (Landtagskandidat für Bayreuth). Auf der Gegenseite: Jörg Nürnberger SPD, Halil Tasdelen SPD, Die Jusos und die Grünen. Ein breites Bündnis gegen Rechts hatte sich formiert.




Alice Weidel gibt sich staatsmännisch. Anders als ihre Vorredner am Sonntag im proppenvollen Lang-Bräu-Saal in Wunsiedel-Holenbrunn umschifft sie geschickt die rhetorischen Untiefen, die sie in einen rechtsextremen Strudel ziehen könnten. Klare Worte findet sie trotzdem. Als Speerspitze im Bundestag habe sie Moderator Michael Benker angekündigt und einen Jubelsturm der gut 250 Menschen im überfüllten Saal und der 60 Zuhörer im Biergarten ausgelöst. Das berichtet unsere Partnerzeitung, die Frankenpost. Ein Besucher aus Thüringen soll Weidel bei einer Wortmeldung gar als „die hoffentlich zukünftige Bundeskanzlerin“ betitelt haben.

Fraktionsvorsitzende Weidel darf sich Oppositionsführerin nennen. Mit 94 Sitzen stellt die AfD im Parlament die stärkste Gruppe jenseits der großen Koalition. Erst 2013 gegründet, hat sie nach jüngsten Umfragen den Zuspruch von rund 18 Prozent der Wähler. „Wir werden immer stärker“, sagt Weidel. Nächstes Jahr seien Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen. „Dann werden wir den ersten AfD-Ministerpräsidenten stellen“, verkündet die Politikerin voller Überzeugung. „Das ist doch was.“



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Sie empfindet es als skandalös, dass CSU-Mandatsträger die AfD als „braunen Schmutz“ beleidigten. Dabei gehöre das AfD-Blau doch dazu zu einem bunten Parteienspektrum in Deutschland. So jedenfalls formuliert es Landtagskandidat Gerd Kögler aus Kirchenlamitz. Rhetorisch virtuos spielt Alice Weidel auf der Klaviatur ihres zentralen Themas: der Asylpolitik. Nicht ihre Partei sei staatszersetzend, wie Innenminister Horst Seehofer behaupte. Staatszersetzend sei „der hunderttausendfache Rechtsbruch an unseren Grenzen“.




Gleich zu Beginn ihrer nur halbstündigen Rede hat sich Weidel das Mikrofon genommen und sich – weg vom Rednerpult – in der Bühnenmitte postiert. Von hier erläutert sie, wie sich nach ihrer Ansicht fast alle Probleme unserer Gesellschaft auf die ungeregelte Zuwanderung zurückführen lassen. Den Satz „Dieses Land wird von Idioten regiert“ leiht sie sich vom tschechischen Staatspräsidenten Milos Zeman, so muss sie ihn nicht selbst sagen. Dass das auch ihre Meinung ist, daran lässt Weidel keinen Zweifel.

Flüchtlinge bleiben Hauptthema

Die Rednerin weiß, dass an jedem Flüchtling etwas hängen bleibt, wenn sie eine Reihe von schweren Verbrechen aufzählt, die kriminelle abgelehnte Asylbewerber begangen haben, „die eigentlich lange nicht mehr im Land sein dürften“. Das „kriminell“ hat der Zuhörer noch im Ohr, als Weidel im nächsten Satz von 700 000 illegalen und somit ausreisepflichtigen Ausländern spricht, die sich derzeit nach Auskunft der Bundesregierung in Deutschland befinden. Und sie knüpft die Verbindung zum Ex-Bin-Laden-Leibwächter Sami A., der abgeschoben, dann aber auf gerichtliche Anordnung zurückgeholt worden war. „Ein Rechtsstaat, der potenzielle Terroristen besser schützt als seine eigene Bevölkerung, ist kein Rechtsstaat mehr.“ Bei derartiger Argumentation ist ihr der Applaus sicher.




Foto: Paul Dippold

Das Geld, mit dem der Staat Sami A. seit 2001 monatlich alimentiert habe, hätte man auch in Kindertagesstätten stecken können, meint sie. Landtagskandidat Thomas Rausch argumentiert ähnlich: Wenn man zur Sanierung des deutschen Rentensystems 40 Milliarden Euro brauche, wie könne man dann 38 Milliarden als Entwicklungshilfe ins Ausland schicken? Gelder aus deutschen Sozialkassen fütterten ganze Familien in anderen Ländern durch.




Deutsche „Weicheier“ großgezogen

Flüchtlinge, sagt er pauschal, seien Menschen, die „schlagen, vergewaltigen, messern und morden“. Und er mutmaßt, die Gewalt sei wohl „bereits in der DNA dieser Asylforderer angelegt“. Gerd Kögler, selbst Schulleiter, fordert mehr männliche Lehrer. Deutsche Jungs würden zu oft von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen, von Erzieherinnen in den Kindergärten beaufsichtigt und von Grund- und Hauptschullehrerinnen bis zur neunten Klasse betreut. Ihnen fehlten also männliche Vorbilder, schlussfolgert Kögler. „Deshalb darf man sich nicht wundern, wenn wir eine Weicheier-Generation haben.“

 


Hier einige Videoszenen (geschnitten)





Foto: Paul Dippold




Proteste gegen den AfD Besuch

Zu manchen Themen äußert sich Alice Weidel nicht. Als einer der Zuhörer „die Deutschland-Frage“ anspricht und mit dem Reim „Breslau, Königsberg und Stettin sind deutsche Städte wie Berlin“ untermauert, verweigert sie ihm eine Antwort, distanziert sich aber auch nicht klar von derart revanchistischem Gedankengut.

„Die Zeit, in der man passiv hinnimmt, dass es die AfD als Partei gibt, ist endgültig vorbei“, sagte Jörg Nürnberger. Der Kreisvorsitzende der SPD im Fichtelgebirge, die zu der Kundgebung aufgerufen hatte, erläuterte, die Partei, die als Bewegung euroskeptischer Wirtschaftsprofessoren begonnen habe, sich zur rückwärtsgewandten Partei mit autoritären Zügen entwickelt habe und jetzt ganz offen die Zusammenarbeit mit Rechtsextremen und Neonazis betreibe, stelle inzwischen eine Gefahr für die demokratische Gesellschaft dar. Einige Besucher der AfD-Veranstaltung wurden von den Gegendemonstranten als aktive Rechtsextreme identifiziert.



Verkorkste Ideologie

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Nürnberger sagte, es freue ihn, dass die AfD-Gegner in nur 48 Stunden nach Bekanntwerden des Versammlungsortes ein so breites Bündnis auf die Beine stellen konnten. Neben der SPD waren unter anderem die Grünen, die Linke, die CSU und die Freien Wähler vertreten. Mitglieder der Jusos, der Gewerkschaften, der Evangelischen Jugend und der Initiative „Wunsiedel ist bunt“ protestierten gemeinsam gegen die AfD.

Auch Halil Tasdelen von der Bayreuther SPD machte sich heute auf den Weg nach Wunsiedel. Er hätte eigentlich zahlreiche Termine und Veranstaltungen im eigenen Wahlkreis gehabt, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Ich habe aber drauf verzichtet, um mit der Menge hier ein Zeichen zu setzen“. Tasdelen lobte das breite Bündnis, das dann doch so schnell und kurzfristig auf die Beine gestellt werden konnte. In Anlehnung an Martin Schulz sprach der SPD Kandidat von einer verkorksten Ideologie bei der AfD, die „auf den Misthaufen der deutschen Geschichte“ gehöre.

https://www.frankenpost.de/







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