Ein Leben lang von der Außenwelt abgeschottet: 43-Jähriger wird von Polizeikräften befreit

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HOLLFELD, LKR BAYREUTH. Über 30 Jahre lang lebte ein heute 43-jähriger Mann in seinem Elternhaus in einem Hollfelder Ortsteil (BT) unter völliger Isolation der Außenwelt. Kaum Tageslicht, keine Sozialkontakte, kein Arztbesuch – sein Gesundheitszustand: Verwahrlost. Nachbarn wussten offensichtlich bescheid, hörten sein Wimmern und Stöhnen. Geholfen hat niemand. Ende September wurde der Mann nun von Polizeikräften befreit.




Wenn man die Geschichte von Markus D. (43) nur oberflächig verfolgt, denkt man zunächst an schlagzeilenträchtige Fälle wie Natascha Kampusch oder den „Fritzl“-Vorfall. Doch in dem kleinen Ortsteil von Hollfeld wurde das Opfer zumindest nicht angekettet oder misshandelt. Auch Polizeisprecher Alexander Czech, vom Polizeipräsidium Oberfranken spricht eher von einer „privaten Tragödie“. Von Befreiung wolle er nicht direkt sprechen. Strafrechtlich müsse man derzeit erst noch noch prüfen, ob die Eltern eine Schuld treffe. Der ganze Fall hat eine besondere Eigendynamik, eine Verkettung vieler Fehlentscheidungen.

Jetzt spechen die Eltern

Waltraud D. (76) ist mit den Nerven am Ende, als sie am Sonntag mit unserem Reporter spricht. Ende September haben die Behörden ihren Sohn Markus (43) abgeholt. Unter unmittelbarem Zwang wurde er abtransportiert, hielt sich im Garten fest. Die Mutter durfte sich laut eigenen Angaben nichteinmal verabschieden. Nicht etwa weil er straffällig wurde, hat man den Mann abgeführt, sondern weil man ihm helfen will. Seit seinem Schulabschluss vor knapp 30 Jahren soll der heute 43-Jährige das Elternhaus nicht mehr verlassen haben.




Mutter (76) und Vater (79) haben ihren Sohn zwar nicht eingesperrt oder gar festgekettet, sollen ihn aber bewusst „versteckt“ haben. Sein Gesundheitsszustand müsse laut Polizei nun genau überprüft werden. Im Bayreuther Bezirksklinikum gehe man auch der Frage nach, ob der 43-Jährige psychisch krank sei. Auf jeden Fall soll er stark verwahrlost gewesen sein. Seine Eltern durften ihn bislang nicht besuchen.

Ein langer Leidensweg

Anfang der achtziger Jahre wurde Markus in der Gesamtschule in Hollfeld (Lkrs. BT) eingeschult. Dort soll er bald schon gemobbt worden sein. „Das war mehr als Mobbing“, berichtet seine Mutter. Sie habe alles notiert: Jeden Übergriff, jede Beschimpfung, jede Attacke. Sogar mit Datum habe sie es dokumentiert. Markus sei systematisch fertig gemacht worden. „Ich kann solch böse Worte nichtmal wiederholen“, berichtet Waltraud D. mit gesenktem Kopf. Das alles sei der Anfang vom Ende gewesen. 1984 habe es schon einmal einen Polizeieinsatz gegeben, weil der Junge eine Zeit lang nicht zur Schule ging wegen dem Mobbing.




Er wollte auch später nicht mehr aus dem Haus gehen. „Aus Angst vor den Anderen“, sagt seine Mutter. Die Anderen – damit meint Waltraud D. die ehemaligen Mitschüler. Die Redelsführer von damals, sollen sogar heute noch in dem Dorf wohnen. „Markus hatte Angst rauszugehen, also haben wir uns alleine um ihn gekümmert“, so die 76-Jährige. Ihre Geschichte klingt schlüssig, aber auch traurig. Im Verlauf der Jahre sei Markus depressiv und auch aggressiv geworden, berichtet die Mutter. Manchmal soll er mit Sachen um sich geworfen haben. Einem Arzt habe man ihn nicht vorgestellt. „Die hätten doch eh nichts gemacht“.

Waltraud D. vor ihrem Haus. Foto: Reporter24
Waltraud D. vor ihrem Haus. Gegen sie wird nun ermittelt. Foto: Reporter24

Nachbarschaftstreit verhärtet die Fronten




Vater Erwin (79) äußert sich nicht weiter zu den Vorwürfen. Wenn er dem Reporter mal antworten will, übernimmt seine Frau das Kommando. Diese berichtet dann von falschen Behauptungen. Polizei und Gesundheitsamt hätten alle Räume im Haus inspiziert und fotografiert. „Die haben Bilder vom Altbau gemacht, da wohnt doch garkeiner mehr“. Seit 40 Jahren habe dort niemand mehr gelebt. Das sei der Anbau der alten Stallungen gewesen. Ihr Sohn soll im Vorderhaus mit gewohnt haben. Doch die Nachbarn sollen behauptet haben, der isolierte Sohn müsse eingesperrt in dem verkommenen Gebäudeteil hausen. „Denen geht es doch nur ums Geld“, schimpft Waltraud D.

Vor vielen Jahren bereits soll es einen Grundtücksstreit gegeben haben. Der Urgroßvater von Markus habe seinerzeit ein fragwürdiges Papier unterzeichnet, welches die Nachbarn ihm untergeschoben hätten. Dabei soll es um einen Teilabtritt des Grundstücks gegangen sein. „Angeblich steht jetzt unsere Garage zum Teil auf dem Grundstück der Nachbarn“, so die 76-Jährige. Doch laut Grundbucheintragung sei alles beim Alten. Auch hätten die Nachbarn wohl mit ihrer Geldforderung keinen Erfolg gehabt.




Diese äußern sich dazu nicht weiter, beschreiben Waltraud D. aber als jähzornig und boshaft. Sie soll Telefonterror betrieben haben. „Ich habe in all den Jahren nur zwei Mal dort angerufen“, erwidert die Seniorin. „Einmal ging keiner ans Telefon, beim zweiten Mal habe ich nur meine Meinung Kund getan“.

Hier der Beitrag von SAT.1 mit unserem Redaktionsleiter:

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