Luxus oder Not? Warum Flüchtlinge Smartphones brauchen

INFO. Ein Smartphone am Ohr eines Asylbewerbers vor der Flüchtlingsunterkunft. Dieses Bild stößt bei vielen Menschen auf Ärger. In Deutschland gelten die Geräte scheinbar als edle Luxusartikel. Wir haben einmal recherchiert, was wirklich dahinter steckt. 

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Foto: Reporter24

„Wie kann man sich als Flüchtling ein Smartphone leisten und dazu noch eine Flatrate? Wer zahlt die Roaming-Gebühren ins Ausland? Das geht doch schnell ins Geld. Denen wird das Geld in den Hintern geschoben“  –  Das sind nur ein par wenige von den vielen Stammtischparolen, welche man ständig hört in Bezug auf Asylbewerber und ihre Handys.

Tatsächlich haben viele der Flüchtlinge ein Smartphone, doch statt Luxus ist das wohl eher der letzte Strohhalm in die Heimat. Das einzige Mittel, um mit der Familie in Kontakt zu bleiben. Egal ob sie in der Heimat zurückgeblieben oder auf der Flucht an anderen Orten gestrandet ist. Hohe Roaming-Gebühren entstehen dabei nicht. Im Regelfall geschieht die Kommunikation per Skype, WhatsApp und Co.



Das geht natürlich nicht mit einem herkömmlichen Handy, dazu werden Smartphones benötigt. Diese gibt es sehr günstig, beispielsweise im gebrauchten Zustand von Flüchtlingshelfern oder schon für 50 -100 Euro im Geschäft. Auch pauschale Daten-Tarife mit Prepaidkarte sind inzwischen überall günstig zu haben. Kostenlose Wlan-Hotspots gibt es in Bahnhöfen, Fastfood-Filialen und Cafés. Auch unsere Redaktion in Oberfranken hat einen Hotspot eigerichtet, der von Flüchtlingen genutzt wird.

Schwarze Schafe gibt es dennoch

Die Regierung geht davon aus, dass fast jeder jugendliche oder erwachsene Asylbewerber bei seiner Ankunft in Deutschland ein Handy besitzt. Die Smartphones, mit GPS ausgestattet, helfen ihnen, sich auf der Flucht zu orientieren. Per Mobiltelefon erfahren die Menschen, wo und wann sie die nächste Etappe ihrer Flucht antreten und wo sie die Nacht verbringen.

Natürlich gibt es auch schwarze Schafe. Erst Anfang August wurde eine albanische Familie aus dem Kosovo abgeschoben. Die beiden Eltern waren mit ihren vier Kindern in Wirsberg (Lkrs. Kulmbach) untergebracht. Neben zahlreichen Ladendiebstählen, erschlichen sie sich auch Handyverträge mit Iphones. Erst wenige Tage vor der geplanten Abschiebung konnte der Vater einen weiteren Vertrag schließen. Das Handy ging mit in den Kosovo, die Mobilfunkrechnungen laufen bislang ins Leere. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft. Die Mehrzahl der Flüchtlinge stammt allerdings aus Kriegsgebieten. Diese Menschen sind genügsam und freuen sich über Kontakte und Zuwendungen.

In Afrika und dem Nahen Osten ist die Verbreitung von Smartphones sehr weit fortgeschritten. Das liegt daran, dass die stationären Telefon- und Datennetze dort sehr schlecht ausgebaut sind. Viele Menschen haben dort per Mobilfunk zum ersten Mal in ihrem Leben einen Telefon- oder Internetzugang. Da ist es nicht verwunderlich, dass man im Umgang mit der Technik sehr versiert ist. Mit Luxus hat das sicherlich nichts zu tun.



Das Smartphone als wichtige Stütze

Neben der Möglichkeit zur Kommunikation mit der Familie, ist das Smartphone bereits in den Herkunftsländern ein wichtiger Lebensinhalt. Gerade in Afrika dient das Handy als zentraler Helfer in allen Angelegenheiten. Per SMS wird beispielsweise Guthaben transferiert. In zertifizierten Geschäften und Stationen, können Bewohner auch jenseits von Städten und Dörfern dadurch Geld von Verwandten beziehen.

Das Smartphone hat damit bei vielen Flüchtlingen einen höheren Stellenwert, als es bei uns in Deutschland vorstellbar ist. Wir haben Festnetz, DSL, Computer, Laptop und vieles mehr. Die nächste Bankfiliale ist meist nur wenige Meter entfernt. Luxus, den sich die Menschen aus den Flüchtlingsländern weder zu Hause noch bei uns leisten können. Das Handy ist somit das einzige und zugleich wichtigste Bezugsgerät. Im Regelfall wird es schon bei der Flucht verwendet und mitgebracht. Für ein Smartphone sind diese Menschen bereit, ihren letzten Cent auszugeben. Besonders wenn sie fern der Heimat von ihrer Familie, dem Partner oder den eigenen Kindern getrennt leben müssen.

„Sollen sie doch bei ihren Familien bleiben“ – kommt gerade in Facebook als häufige Antwort zurück. Doch meistens sind es eben gerade junge Männer, die zwangsrekrutiert oder verfolgt werden. Menschen werden vertrieben, Familien getrennt. Niemand lässt freiwillig seinen Nächsten zurück. (mr)