ProSeniore-Streit: Jürgen E. (63) soll Rauswurf erfunden haben

Von dieser Seniorenresidenz in Nuernberg aus senden der 63-jaehrige Bilder vom Essen. Geteilt werden die Bilder auf Facebook. Foto: Reporter 24 / Klein

NÜRNBERG. Er löste eine Welle der Bestürzung aus. Frührentner Jürgen E. (63) fotografiert das servierte Essen im Pro Seniore Pflegeheim in der Regensburger Straße. Wir hatten darüber berichtet und konnten nun endlich die Einrichtung zu einem Gespräch überzeugen. Dabei werden ganz neue Gesichtspunkte beleuchtet. Der Frührentner sei erst wenige Wochen in der Einrichtung und würde jede Hilfe verweigern. Jetzt soll er sogar seinen eigenen Rauswurf vorgetäuscht haben.

Von dieser Seniorenresidenz in Nuernberg aus senden der 63-jaehrige Bilder vom Essen. Geteilt werden die Bilder auf Facebook. Foto: Reporter 24 / Klein
Aus dieser Seniorenresidenz in Nuernberg sendet der 63-Jährige Bilder vom servierten Essen. Geteilt werden diese dann auf Facebook. Nun schaltet sich erstmals auch die Einrichtung mit ein. (Foto: Reporter 24 | Klein)

Peter Müller ist Unternehmenssprecher bei Pro Seniore in Saarbrücken und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit aller Einrichtungen der bundesweiten Kette. Er reagierte auf die Vorwürfe des Frührentners und will nun auch das Schweigen brechen, „sofern es datenschutzrechtlich möglich ist“. Demnach sei der 63-Jährige nicht bereits seit zwei Jahren in dem Pflegeheim, sondern erst seit 12. Mai 2015. „Zwar ist uns Herr E. schon von früher bekannt, allerdings nur zur Kurzzeitpflege“. Sein damaliges Pflegeheim erlitt einen schweren Brandschaden und musste seine Bewohner auf andere Einrichtungen verteilen. „Erst seit Mai ist er wieder bei uns, weil das beschädigte Pflegeheim nun ganz geschlossen hat“.

Heimrauswurf sei erstunken und erlogen

Am Dienstag gab es ein klärendes Gespräch mit der Heimleitung. Doch von Einigung kann keine Rede sein. Jürgen E. soll einen Zeugen mit dabei gehabt haben, den hätte die Heimleitung aber vor die Tür gesetzt. Stattdessen wurde dem 63-Jährigen jetzt wohl der Heimplatz gekündigt. Bis Ende August soll er das Pro Seniore Heim verlassen haben, sagt der Frührentner selbst. Ein Heimsprecher bestreitet diesen neuerlichen Vorwurf. Man habe zwar über die unschöne Gesamtsituation gesprochen und auch den gesetzlichen Betreuer dazugeholt, aber von einem Rauswurf ist keine Rede.

Nun werden die Stimmen lauter, dass Jürgen E. nur instrumentalisiert wird. Er soll zum Spielball einer Spaßpartei geworden sein. Ursprünglich schickte er die Bilder seiner Mahlzeiten an eine befreundete Frau aus Österreich. Die 35-jährige Schweinezüchterin, Eva Rußegger, lebt in Österreich und ist Vize-Vorsitzende einer regionalen Spaßpaftei. Als Ableger des Satiremagazins „Titanic“ steht hier der Spaß wohl auch im Vordergrund. Für Jürgen und das Pflegeheim hat das alles jedoch einen ernsten Charakter.



Widersprüchliche Angaben

In einer Presseerklärung berichtete eine Bekannte des 63-Jährigen, dass der Frührentner schon seit zwei Jahren im Pro Seniore sei und durch das „Ekelessen“ immer dünner werde. „Das ist Quatsch“, erwidert Müller lächelnd. Jürgen E. sei bereits in einem unterernährten Zustand vor sieben Wochen aufgenommen worden. Seit dem würde er auch jede Art von Aufbaukost verweigern. Entsprechende Trinknahrung wurde wohl als hochkalorienreiche Ergänzung angeboten, aber nicht akzeptiert. Der Frührentner soll immer wieder gesagt haben, dass er keine „Astronautennahrung“ haben wolle. Auch sein Zimmer wolle er nicht verlassen und akzeptiere keine Hilfe.

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Dieses Bild soll nicht im Pro Seniore entstanden sein

Jürgen E. ist ein ehemaliger DJ und Lebenskünstler. Er meisterte sein Leben, war immer für andere da. Nun ist er schwer lungenkrank und selbst auf Hilfe angewiesen. „Herr E. ist ein schwieriger Zeitgenosse“, führt Müller fort. Das Personal gebe sich große Mühe, sei aber machtlos. Ist der Frührentner nur gefrustet oder stimmen die Vorwürfe? Unser Reporter hat mit den Beteiligten gesprochen und beide Seiten gehört. Auch ein ehemaliger Pfleger hat sich zu Wort gemeldet. „Ich wusste sofort, welches Heim gemeint war. Ich erkannte das Geschirr, die Umgebung und die Praktiken“.  Dabei sind wohl noch nichteinmal alle Fotos im Pro Seniore entstanden. „Auf den veröffentlichten Bildern ist zum Teil geriffeltes Geschirr zu sehen, welches wir nicht besitzen“, bekräftigt der Sprecher der Einrichtung.



Ein kleines Fazit

Unter Betrachtung aller Gesichtspunkte kann man wohl bestätigen, dass die servierten Mahlzeiten sicherlich nicht ansprechend serviert und zubereitet sind. Doch wirklich schuld am Gesundheitszustand des Frührentners, ist das Essen auch nicht. Die Gespräche vom Dienstag brachten keine Einigung, der Rentner muss ausziehen. Am runden Tisch dabei: Heimleiterin Jeanette Werrmann, Frührentner Jürgen E. und sein gesetzlicher Betreuer. Eva-Patricia Rußegger, die engagierte Bekannte des 63-Jährigen ist nicht dabei. Sie versteht sich als ehrenamtliche Betreuerin, betreibt die Facebookseite von „Opa“ Jürgen und hat keinerlei Mitspracherecht wenn es um die Belange des Schwerkranken geht. Unterdessen melden sich immer mehr ehemalige Pflegekräfte zu Wort und bieten ihre Hilfe an. Sie kennen angebliche Praktiken des Trägers und wollen nicht mehr schweigen. Ein Pfleger aus Nürnberg spricht von gezielten Anweisungen gegen die Menschenwürde. (red)