„Waldläufer“ war professionell vorbereitet

bild2_dfMARKTLEUTHEN, LKR. WUNSIEDEL. Der Waldläufer sitzt im Gefängnis. Der 61-jährige Tscheche konnte am Freitagmorgen in einem Waldgebiet im Gemeindebereich Marktleuthen festgenommen werden. Zahlreiche Einsatzkräfte spürten den Mann nach einem aktuellen Einbruch im Unterholz auf. Zwischenzeitlich sitzt der Mann in Untersuchungshaft.

Nach einem erneuten Einbruch am frühen Freitagmorgen waren 25 Einsatzkräfte, darunter auch Polizeisuchhunde und Unterstützungskräfte aus Hof, dem sogenannten „Waldläufer“ auf der Spur. Relativ schnell kristallisierte sich ein konkretes Suchgebiet heraus, welches die Fahndungseinheiten umgehend umstellten. Hilfreich war hier vor allem der schneebedeckte Boden. Gegen 10.45 Uhr nahmen die Beamten den Mann in seinem selbstgefertigten Unterschlupf widerstandslos fest. „Er war in seinem Schlafzimmer und war sichtlich überrascht“, sagte der stellv. Inspektionsleiter von Wunsiedel, Robert Roth. Bei der Aufspürung im dichten Wald sei klassische Polizeiarbeit gefragt gewesen, weil der Empfang von Funk und Handy nahezu ausgeschlossen war. „Wir bildeten Such – und Absperrtrupps, nachdem das Zielgebiet relativ gut eingekreist werden konnte nach dem neuerlichen Einbruch“, so Roth. Der Waldläufer sei professionell aufgestellt gewesen. So habe er sein Gebiet sorgfältigt ausgewählt und strategisch klug genutzt. Rund um den Unterschlupf war teilweise unüberwindbares Sumpfgebiet, aber auch nahegelegene feste Wege mit dichtem Seitenbewuchs, die ein schnelles Abtauchen möglich machten.

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Foto: Polizei

Seit 9 Jahren im Wald

Seit Anfang 2014 trieb der zunächst Unbekannte rund um den Kornberg sein Unwesen. Immer wieder waren vorwiegend Fischer-, Jagd- und Skihütten, Wochenend- und Gartenhäuser und Kioske das Ziel eines Langfingers. Die Objekte befanden sich im Wald oder in unmittelbarer Waldnähe. Teilweise mit brachialer Gewalt öffnete er Gebäude und Behältnisse, um an die Beute zu kommen. Überwiegend nahm er Lebensmittel, Getränke und lebende Tiere an sich. Als auch noch Kleidungsstücke, Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände verschwanden, kam schnell der Verdacht auf, dass es sich bei dem Einbrecher um einen Einsiedler handeln muss, der die gestohlenen Sachen zum Überleben in der Natur benötigt. Seit 2006 lebte der Mann bereits im Wald. Zuvor war er laut eigenen Angaben wohl 25 Jahre lang in der Landwirtschaft tätig. Eine lange Zeit, in der er sicherlich vieles für seinen Ausstieg aus der Zivilisation lernte. Dabei war der 61-Jährige zunächst gar nicht mittellos. Von seiner verstorbenen Mutter erbte er ein Haus, welches nach dem Winter 2006 jedoch zerfallen war. Das war der Einstieg in den Ausstieg.

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Foto: Polizei

Eine Festung im Wald

Über Eger soll der „Waldläufer“ im Frühjar 2014 in den Landkreis Wunsiedel gekommen sein. Dabei sei die Wahl, nach Deutschland zu kommen, wohl eher zufällig getroffen worden. In seinem Unterschlupf hatte der 61-Jährige alles, was er brauchte. Durch seine zahlreichen Einbrüche sammelte er sich einen „Hausstand“ zusammen, der aus einfachsten Mitteln praktisch und den Umständen entsprechend „komfortabel“ war. So hatte er sein Schlafzimmer beispielsweise mit Isoliermatten und Abdeckplanen ausgestattet. Die festnehmenden Beamten sprachen bei einer Außentemperatur von 2 Grad über Null, dass sie im Unterchlupf ins Schwitzen gekommen seien, obwohl die eigens eingerichtete Gasheizung gar nicht in Betrieb war. Doch damit nicht genug. Er hatte eine eigene Räucherkammer, um Lebensmittel haltbar zu machen. Auch rund um sein Versteck kannte er sich aus. „Er war uns immer einen Schritt voraus“, sagte der Leiter der Wunsiedeler Polizei, Willi Dürrbeck. Die Suchhunde waren chancenlos. Der Gesuchte nutzte seine Ortskenntniss genauso wie die eigens ausgewählten Fluchtwege. Waren ihm die Ermittler zu dicht  auf den Fersen, endeten die Spuren plötzlich an Bachläufen oder festen Wegen, wo er mit seinem „Fichtelgebirgsfahrrad“ wieder Boden gut machen konnte. Wo er den Drahtesel mit der regionalen Aufschrift her hatte, ist bislang auch noch nicht bekannt.

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Foto: Reporter24

Gemeinsame Arbeitsgruppe „Waldläufer“ installiert

Die räumliche Ausdehnung der Tatörtlichkeiten – es waren neben der Wunsiedler Inspektion auch die Polizei in Marktredwitz, Rehau und Selb betroffen – machte ein konzertiertes Vorgehen der Ermittlungsbehörden von Staatsanwaltschaft und Polizei notwendig. Eine eigens installierte gemeinsame Arbeitsgruppe der zuständigen Dienststellen unter Federführung der Wunsiedler Polizei nahm sich der beginnenden Einbruchserie an. Eine Erhebung aller in Frage kommenden Einbrüche machte schnell klar, dass es sich hier um ein- und denselben Täter handeln muss. Akribische Spurensuche und –sicherung an den Tatorten erbrachten für die Ermittler einen ersten Erfolg. Aufgrund einer an einem Tatort gesicherten DNA-Spur und Lichtbildern aus einer Kamera, konnte der 61-jähriger Tscheche zweifelsfrei als Tatverdächtiger identifiziert werden. Der Mann war in der Vergangenheit bereits in Österreich in ähnlicher Weise aufgefallen. Er hat dort 2010 ebenfalls über 70 Einbrüche begangen, bevor er festgenommen wurde und für einige Monate hinter Gittern wanderte.

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Foto: Reporter24

Fahndungs- und Suchmaßnahmen zunächst ohne Erfolg

Immer wieder mussten die Ermittler zu Tatorten fahren und zurückliegende Einbrüche aufnehmen. An die 90 Fälle dürften auf das Konto des Waldläufers gehen. Der Erfolg bei Fahndungen und gezielten Suchmaßnahmen wollte sich zunächst nicht einstellen. Trotz intensivem Einsatz von Hubschrauber, Polizeihunden und Suchtrupps blieb der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Der zeitliche Versatz von Tatzeit zu Mitteilungszeit war in den meisten Fällen nicht zu kompensieren. Mitteilungen aus der Bevölkerung brachten auch nicht den entscheidenden Hinweis, so dass die Ermittler auch auf operative Maßnahmen setzen mussten. Zum Verhängnis wurde dem 61-jährigen Mann sein letzter Einbruch am frühen Freitagmorgen (9. Januar) in eine Fischerhütte im Martinlamitzer Forst. Wie bereits im Sommer 2014 stieg er in die Hütte ein und entwendete dort Lebensmittel. Bereits kurz nach der Tat waren ihm die Ermittler allerdings schon auf den Fersen. Die Arbeit der gemeinsamen Ermittlungsgruppe trug nun Früchte, die winterliche Landschaft am Kornberg tat ihr Übriges dazu. Spuren im Schnee und wohl frische Fährten und Gerüche der Suchhunde führten die Suchmannschaften nun direkt ins Versteck. Gegen 10.45 Uhr stießen die Einsatzkräfte auf den seit langem gesuchten Unterschlupf. Der 61-Jährige befand sich in seinem Lager und ließ sich widerstandslos festnehmen. Eine Vielzahl an Beweismitteln stellten die Einsatzkräfte im Laufe der folgenden Tage im Wald sicher. Derzeit gehen die Ermittler der gemeinsamen Arbeitsgruppe davon aus, dass der Festgenommene für etwa 90 Einbrüche in einem rund 50-60 Quadratkilometer großen Bereich verantwortlich ist. Hierbei fielen ihm Gegenstände im Wert von etwa 3.000 Euro in die Hände. Der verursachte Sachschaden beläuft sich auf gut 10.000 Euro. Die konkrete Zuordnung der sichergestellten Beweismittel zu den verschiedenen Tatörtlichkeiten wird noch einige Zeit andauern.

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Foto: Reporter24

Strafrechtliche Bewertung

Überregional vielleicht ein wenig belächelt, sorgte der Fall natürlich für mediales Interesse und Aufmerksamkeit. Doch bei den Menschen rund um den Kornberg waren schon gemischte Gefühle zu spüren. Viele hatten nicht nur Angst um ihr Eigentum, es entstand ja auch nicht unerheblicher Sachschaden bei den Einbrüchen. Hinzu kommen natürlich ideelle Werte, die niemand ersetzen kann, sowie ein doch gestörtes Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung. Der Leitende Oberstaatsanwalt Gerhard Schmitt wollte von „leichtem Mundraub“ gar nicht viel hören. „Die Menschen haben ein Recht darauf, dass ihr Hab und Gut gechützt wird“, sagte er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Wunsiedel. Wie lange der 61-Jährige nun im Gefängnis bleiben muss, werden die weiteren Ermittlungen und das Gerichtsverfahren zeigen. Hier ist noch akribisches Arbeiten gefragt, bevor die Anklage dann beim zuständigen Gericht eingereicht und der Hauptverhandlungstermin festgesetzt wird. Jedoch bleibt es wohl nicht nur bei einfachen Diebstählen. Schon ab einem Wert von über 25 Euro, sprechen Juristen von besonders schwerem Diebstahl, wenn die Beute aus besonders gesicherten Objekten (hierzu zählen versperrte Gartenhütten) entwendet wird. Für jeden einzelnen Diebstahl kann hier ein Strafmaß zwischen drei Monaten und 10 Jahren zu Buche schlagen. Sicherlich sind die hier gestohlenen Gegenstände im geringfügigen Bereich anzusiedeln, doch die Masse bei knapp 100 Einbrüchen kann auch bei einem Strafzusammenzug zu einer verhältnismäßig langen Hafstrafe führen.

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Foto: Reporter24

Am Freitagnachmittag führten ein Staatsanwalt und die Wunsiedler Ermittler den Mann der zuständigen Ermittlungsrichterin vor. Der von der Staatsanwaltschaft Hof erwirkte Haftbefehl wurde vollzogen. Der 61-Jährige sitzt seitdem in einer Justizvollzugsanstalt und wartet auf seinen Prozess. (mr)

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Foto: Reporter24

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